Gesellschaft

Bitte nicht die Stadttaube!

Neben Kommunal-, Landtags- und Bundestagswahlen gibt es in diesem Jahr eine weitere wichtige Wahl, zumindest für Naturfreunde: die zum „Vogel des Jahres 2021“. Zum ersten Mal in der fünfzigjährigen Geschichte haben die Initiatoren, der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV), die Auswahl und Benennung nicht einem Fachgremium von Ornithologen und Vogelschützern überlassen: Dieses Mal fordern sie die Öffentlichkeit auf, ihren Favoriten zum 50. Vogel der Jahres zu küren. Noch bis zum 19. März kann man unter www.vogeldesjahres.de einem der zehn Kandidaten aus der Endauswahl seine Stimme geben – mehr als 200.000 Bürgerinnen und Bürger haben es seit Mitte Januar schon getan.

Mit dem seinerzeit in Deutschland vom Aussterben bedrohten Wanderfalken hatte 1971 die Kampagne begonnen. Sieben der jetzt zehn Endkandidaten waren schon mal Vögel des Jahres, zwei, der Eisvogel und die Feldlerche, sogar zweimal.

Im Oktober hatten Nabu und LBV mit den Vorbereitungen der Volksvogelwahl begonnen. In ihren Magazinen und im Internet stellten sie 307 der in Deutschland vorkommenden Vogelarten im Bild und mit kurzen Porträts vor und schrieben sie zur Vorwahl aus. Die zehn Arten mit den meisten Stimmen waren eine echte Überraschung. Waren bisher unter den Vögeln des Jahres oft gefährdete Arten und Bewohner schrumpfender Lebensräume, so erschienen in der Endauswahl viele Arten, die allgemein bekannt sind – sei es vom Garten oder Futterhaus. Geradezu schockiert waren viele professionelle Ornithologen darüber, dass die Stadttaube, auch als Straßentaube bekannt, eine zivilisierte Form der Felsentaube, auf dem vordersten Platz gelandet war.

„Ratte der Lüfte“

Bei den Vogelschützern war die Hölle los. Ein fast zahmer Bewohner der Städte, als „Ratte der Lüfte“ vielfach geschmäht und bekämpft, aber vielerorts auch liebevoll von Menschen trotz lokaler Verbote regelmäßig gefüttert, eventuell zum Vogel des Jahres ausrufen zu müssen? Die Ornithologen waren auf den Barrikaden, den Verbänden wurde oft eine Kündigung der Mitgliedschaft angedroht.

Dabei ist die Wahl der Stadttaube auch ein Indiz – für die reduzierte Wahrnehmung der Vogelwelt durch viele Menschen, die überwiegend in Städten leben. Inzwischen hat sich die Szene etwas beruhigt, denn die in vielfältigen Gefiederfarben daherkommende Stadttaube, die sich fast das ganze Jahr mit Gurren und Schnäbeln auf Balkons und Mauervorsprüngen in Balzlaune befindet, ist nach jüngstem Zwischenstand auf einen mittleren Platz zurückgefallen. Doch viele Taubenfreunde machen dagegen mobil. Vor allem die Züchter von Brieftauben und Rassetauben sind eine starke Lobbygruppe.

Auf die Liste der zehn Favoriten haben es viele der früheren Jahresvögel aus herausragenden Artengruppen nicht geschafft. So fehlen Greifvögel, Eulen, Hühnervögel, Wasservögel. Selbst der Weißstorch, der Wappenvogel des Nabu, blieb außen vor. Der farbenprächtige Eisvogel im Logo des LBV hat sich hingegen einen Platz unter den ersten zehn gesichert. Er braucht saubere Gewässer, in denen er mit gekonntem Stoßtauchen kleine Fische fängt.

Es sind kleine Vögel, die sich der Sympathie der Wähler erfreuen: Amsel, Blaumeise, Rauchschwalbe, Rotkehlchen, Feldlerche und Haussperling. Zudem haben sich als hochgefährdete Repräsentanten für den Lebensraum Feuchtwiesen und Moore der Kiebitz und der Goldregenpfeifer unter den ersten zehn plaziert. Beim Goldregenpfeifer, der bereits 1975 Jahresvogel war, hat vermutlich der Name den Ausschlag gegeben, denn diese Art ist als Brutvogel in Deutschland so gut wie ausgestorben, also durch Trockenlegung und Torfabbau von Mooren ausgerottet. Auf dem Durchzug nach und von Nordeuropa sind die schmucken Vögel, oft in Gesellschaft mit anderen Schnepfenartigen, im Binnenland und an den Küsten zu beobachten.

QUELLE

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