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Mit Bäumen gegen den Klimawandel – China setzt auf Waldstädte und die Große Grüne Mauer

Aus China ist man Superlative gewöhnt. Das größte Schnellbahnnetz der Welt, die gewaltige Aufrüstung, dazu kommen jede Menge prestigeträchtiger Großbauten und das vom Westen misstrauisch beobachtete Projekt der neuen Seidenstraße. Viel weniger bekannt ist, dass Peking seit Langem an einer neuen großen Mauer baut – einer grünen Mauer.

Sie ist das größte und ehrgeizigste Megaprojekt eines Landes, in dem es an kühnen Projekten wahrlich nicht mangelt. Begonnen wurde Ende der 1970er mit der Großen Grünen Mauer und erst im Jahr 2050 soll sie fertig sein. Es ist das gewaltigste Aufforstungsprogramm der Welt. Das Drei-Nord Schutzgürtel-Programm – so ein weiterer Name – besteht aus drei Streifen neu angelegtem Wald. Zusammen sind sie so groß wie Deutschland, 4500 Kilometer Länge soll der Wald haben. So will Peking die Ausdehnung der Wüste Gobi stoppen, das regionale Klima und die dortigen Böden verbessern und eine Forstwirtschaft etablieren.

In China ist Grüne Mauer ein zentrales PR-Thema. Schüler, Schauspieler, die Spitzen von Partei und Staat machen mit bei der kollektiven Anstrengung. Der 12. März ist der nationale Tag des Baumpflanzens. Die bekanntesten viralen Helden sind die beiden Freunde Jia Haixia und Jia Wenqi. Jia Haixia verlor sein Augenlicht, Jia Wenqi beide Arme. Um zu überleben, pachteten sie ein Stück Land und begannen, es im Rahmen der Aufforstung zu bepflanzen. Trotz ihrer Handicaps konnten sie über 10.000 Bäume pflanzen und am Leben erhalten.

Doch bei so viel – auch verordnetem – Enthusiasmus konnten Probleme nicht ausbleiben. Planerfüllung war das Ziel der Aufforstung, also wurden auf Teufel komm raus Bäume gepflanzt. Ob daraus ein Wald werden konnte, war eine nachrangige Frage. Die Vorliebe für schnell wachsende Pappeln führten zu einer Monokultur, die wiederum Schädlinge gedeihen ließ.

Schlappe mit Monokulturen

Für die angelegten Monokulturen gibt es massive Kritik. Eine Monokultur kann nur etwa zwölf Tonnen Kohlenstoff pro Hektar speichern, ein biodiverser Wald kommt auf 32 Tonnen. Viele Anpflanzungen verkümmerten, weil sich später niemand um den Wald gekümmert hat. Aber Peking lernte aus den Fehlern, nun soll ein Großteil der Flächen auf natürliche Weise aufgeforstet werden.

Wobei es wegen des Mangels an fruchtbarem Boden ganz natürlich nicht gehen wird. Auch für den “natürlichen” Wald wird es eine Starthilfe geben. Für das Projekt der Revitalisierung der nördlichen Zonen setzt Peking alle Hebel in Bewegung. Wetter und Regenfall sollen reguliert werden. Spezielle Regen-Autobahnen werden zusätzliche Niederschläge in die nördlichen Regionen und Aufforstungsgebiete bringen. Dazu werden die lokalen Gemeinden mit einbezogen. Bauern bekommen Geld für das Pflanzen und die Pflege der Bäume. Der Klimawandel ist für die einfache Landbevölkerung weit weg, so das Kalkül, umso erfolgversprechender ist der Appell an den Eigennutz.

Städte werden grün

Zu dem Schutzwald gesellt sich eine Waldstadt-Kampagne. Ausgerechnet China will die grünsten Städte der Welt bauen. Seit 2004 haben etwa 170 Städte “Waldstadt”-Projekte gestartet. Es werden nicht kleine Parks angelegt, es werden riesige Flächen begrünt. Und auch hier gibt es natürlich Probleme. Im letzten Jahr gingen die Bilder eines gescheiterten Bauprojekts um die Welt. Die Hochhäuser in Chengdu sollten komplett begrünt werden. Doch die Gebäude verwandelten sich in einen apokalyptischen Dschungel, als es zu Verzögerungen beim Baum kam.

Aber diese Pannen sollten nicht den Blick auf das Wesentliche verstellen. In der neu angelegten Stadt Xiong’an wurden im Rahmen des Programms “Millennium Forest” mehr als 100 verschiedene Baumarten gepflanzt. Allein im Herbst 2020 wurden in dieser Stadt 3600 Hektar mit Setzlingen bepflanzt. Das erklärte Ziel sind grüne Städte. Bis 2030 sollen 40 Prozent ihrer Fläche mit Bäumen und Grünflächen bedeckt werden.

Weltweite Aufforstung

Aufforstung ist weltweit ein wichtiges Thema, in China sind die Dimensionen nur am größten, aber auch in Irland und im Baltikum wird aufgeforstet. Die Probleme sind, wenn auch im kleinen Maßstab, die gleichen wie in China. Umweltschützer wünschen einen biodiversen Urwald, Grundbesitzer favorisieren eine subventionierte Holzfabrik. In China hat sich das Projekt trotz des holprigen Starts schon ausgezahlt. In den betroffenen Regionen konnte sich die Waldbedeckung seit 1978 von 12 Prozent auf 22 Prozent fast verdoppeln.

In diesen Dimensionen wird dann im starken Maße CO2 aus der Atmosphäre gebunden – zuerst im Wald und später dann im wachsenden Mutterboden. Und das bleibt nicht ohne Folgen für das Klima. Aus der Geschichte weiß man, dass der Völkermord an den Indianern Südamerikas dazu geführt, dass ihre Städte und ihre Äcker von Wald bedeckt wurden. Dieser Eingriff hat zur “Kleinen Eiszeit” geführt, die vom 16. bis zum 19. Jahrhundert andauerte. Der CO2-Spiegel in der Luft ist damals durch die Zunahme des Waldes in Südamerika gesunken.

Wald hat einen weiteren Vorteil: Gelingt es erst ihn anzusiedeln, kostet er kaum Betriebskosten. Anders als technische CO2-Sauger arbeitet er ganz allein. Auch muss man sich nicht überlegen, wie man das entzogene CO2 speichert, es geht auf natürliche Weise in Holz und Boden über. Es müssen allerdings große Flächen für die Bewaldung zur Verfügung stehen. Dazu können Probleme mit der Bewässerung auftreten.

QUELLE

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