Wissen

Wissenslücken und Besserwissen

Zu den billigsten Gemeinplätzen dieser Tage gehört der unvollendete Satz: Wir wissen nichts. Gleich, ob es sich ums Virus dreht oder die Pandemiestrategie, um die Zukunft oder um die Bewertung des Zurückliegenden – mit der Behauptung, „wir“ wüssten nichts darüber, wird zielsicher von der eigenen Bequemlichkeit auf die Lücken des kollektiven Wissensbestandes abgelenkt. Natürlich steckt dahinter eine Strategie: das lückenhafte, ungenügende Wir wird zur Startrampe für die eigene Besserwisserei gemacht.

Keiner dieser Blender macht sich dabei die Mühe, die Vorläufigkeit jeder Erkenntnis und das Rauschen im tosenden Meer von Einzelbefunden auch nur ansatzweise ernst zu nehmen. Dabei sollte die Wissenschaft doch genau das lehren: Demut. Jahrzehntelang schon sind beispielsweise die Streifenmuster von Zebras Gegenstand der Verhaltensforschung. Das Streifenrätsel schien gelöst. Bis vor kurzem konnte man angesichts der Evidenz davon ausgehen, dass Streifenmuster Räuber und Parasiten verwirren sollen: Streifen in Bewegung sind schwieriger zu orten. Die zugegeben wenig intuitive Blender-These stimmt wohl nicht – oder jedenfalls ist sie nicht allgemeingültig. Denn gestreifte Käfer, das hat jüngst Anna Hughes von der University of Exeter überzeugend dargelegt, werden viel schneller gefressen als ausgesprochen kontrastarme, vorzugsweise graue Käfer.

Frappierend auch die Erkenntnissprünge, die Mark Erno Hauber im aktuellen Heft von „Royal Society Open Science“ liefert. Der leidenschaftliche Vogel- und Verhaltensforscher aus Illinois arbeitet zurzeit am Hanse-Wissenschaftskolleg in Delmenhorst, und er hat einen experimentellen Befund mitgebracht, der nicht nur jeden Ornithologen umhaut: Rotkehlchen bebrüten eckige Eier. Die zierlichen Vögel können sofort erkennen, wenn ein deutlich zu schmales Ei im Nest liegt, das entfernen sie sofort.

Ist das eingeschmuggelte „Ei“ hingegen kantig und spitz wie Kandiszucker, bebrüten die Rotkehlchen dasselbe mit einer Selbstverständlichkeit, die einen sprachlos macht. Tarnen und täuschen – die Evolution macht vieles möglich. Kein Wunder also, wenn die Blender und faulen Eier auch im Wissenschaftsbetrieb ihre Chance suchen.

QUELLE

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