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Ein vergessener Planet?

Es ist wohl keine Übertreibung, zu sagen, dass 2021 das Jahr des Mars ist. Zwei geglückte Landungen, zwei neue Sonden im Orbit, ein Rover auf der Suche nach Spuren von Leben, der erste Flug eines motorisierten Helikopters – es gab viele Anlässe, die Gedanken staunend in Richtung der roten Wüsten unseres Nachbarplaneten wandern zu lassen. Die große Faszination am Mars ist allerdings nicht neu. Eine Vielzahl von Missionen, ein breites Spektrum von Forschungsergebnissen zu dessen Aufbau und Geschichte, vielleicht auch die optische Ähnlichkeit mit irdischen Landschaften bei gleichzeitig tiefgreifender Andersartigkeit der dort herrschenden Bedingungen machen den Mars zu dem Planeten, der uns zumindest medial am nächsten liegt. Sehr viel näher zumindest als unser anderer Nachbar, die Venus.

Diese Asymmetrie beklagten venus-begeisterte Forscher schon lange. Bereits vor 50 Jahren wurde in der Fachzeitschrift Nature Physical Science darauf hingewiesen, dass die Fokussierung auf den Mars den Vorsätzen der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften widerspreche. Deren weltraumwissenschaftlicher Beirat sehe schließlich Missionen zu so vielen verschiedenen Planeten wie möglich vor.

Tatsächlich war zu diesem Zeitpunkt die Erforschung der Venus von sowjetischen Missionsprogrammen dominiert. Die Sonden Venera 4, 5 und 6 waren in die Venusatmosphäre hinabgestiegen. 1970 war der sowjetischen Sonde Venera 7 sogar erstmalig eine weiche Landung auf der Venusoberfläche gelungen. Die Amerikaner hatten bis dahin, 1962 mit Mariner 2 und 1967 mit Mariner 5, nur in Vorbeiflügen wissenschaftliche Daten sammeln können. Zum Mars waren von der NASA Anfang 1971 dagegen zwei Orbiter (Mariner 8 und 9) und eine Landemission (Viking 1) in Planung. „Ist die Venus ungerechtfertigt ignoriert worden?“, wurde damals rhetorisch gefragt, um daraufhin vor allem die von der Venus zu erwartenden meteorologischen Er­kenntnisse als lohnend hervorzuheben. Deren dichte und wolkige Atmosphäre könne als Gegenstück zur dünnen und wolkenlosen Marsatmosphäre wichtige Informationen für das allgemeine Verständnis von Atmosphärendynamik und -entwicklung liefern.

Die Klage über eine wissenschaftlich vernachlässigte Venus hat die Jahrzehnte überdauert. Auch in den vergangenen Jahren war sie wieder zu vernehmen, auch wenn es seitdem nicht wenige Missionen dorthin gegeben hat — aufseiten der NASA zuletzt seit 1990 mit dem Magellan-Orbiter und Vorbeiflügen der Sonden Galileo, Cassini und Mercury Messenger 1990, 1999 und 2005. Die Europäische Raumfahrtagentur ESA lieferte mit dem Venus Express als Orbiter von 2006 bis 2014 wichtige Daten. Die japanische Akatsuki-Sonde umkreist die Venus seit 2015.

Dennoch: Als 2017 zwei vorgeschlagene Venus-Programme in der Finalrunde der künftigen Discovery-Missionen der NASA gegen zwei Asteroiden-Missionen ausschieden, war die Enttäuschung über eine vermeintlich in ihrem wissenschaftlichen Potential unterschätzte Venus abermals groß. Im Wissenschaftsmagazin Science wurde spekuliert, dass den Missionen vielleicht das richtige Verkaufsargument fehle. Die Suche nach Leben komme auf der Venus angesichts der herrschenden Bedingungen nicht in Betracht, so wenig wie die Möglichkeit künftiger astronautischer Erschließung. Ein besseres Verständnis des irdischen Klimawandels durch das Studium der aufgeheizten Venus sei unter der Trump-Administration ebenfalls kein gutes Argument dafür, nach mehr als 30 Jahren eine Venusmission zu finanzieren. Allenfalls die Idee, Erkenntnisse über die Venus für die Erforschung ferner Exoplaneten zu nutzen, sei aussichtsreich.

Damals ahnte noch niemand, dass sich die Argumentationslage schon bald unerwartet ändern würde. Im September 2020 erschien in Nature Astronomy eine Studie, in der Astronomen behaupteten, mit dem Nachweis des Gases Monophosphan (PH3) in der Venusatmosphäre einen möglichen Hinweis auf die Existenz von Mikroorganismen in der Venusatmosphäre gefunden zu haben. Der mediale Trubel war gewaltig. Die wissenschaftliche Behauptung verlor nach anschließender Prüfung zwar schnell an Überzeugungskraft — die Datenanalyse erwies sich als fehlerhaft, auch die Interpretation des Fundes als Biomarker erschien keinesfalls zwingend —, den Unterstützern weiterer Venusmissionen lieferte die Diskussion aber zweifellos Aufwind.

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