Gesellschaft

Die quälende Frage nach dem Warum

Als das Fahrzeug endlich zum Stehen gekommen war, lagen noch drei Kinder darunter. Ein dreijähriges Mädchen und zwei Vierjährige, ein Junge und ein Mädchen. Passanten, die herbeieilten, hoben das Fahrzeug an und bargen die Kinder. Den mutmaßlichen Täter Maurice P. überwältigen sie. Zuvor soll dieser sein Auto in die Teilnehmer und Zuschauer des Rosenmontagsumzugs in der kleinen nordhessischen Stadt Volkmarsen gelenkt haben, unter anderem in viele Kinder, die gerade Süßigkeiten aufsammelten.

Maurice P. sei es darum gegangen, möglichst viele Menschen zu schädigen, sagt der Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt beim Prozessauftakt am Montag vor dem Landgericht Kassel. Die Generalstaatsanwaltschaft wirft P. unter anderem versuchten Mord in 91 Fällen und Körperverletzung in 90 Fällen vor.

Viele der Opfer wurden laut Anklage von dem Fahrzeug des Angeklagten mitgeschleift, viele andere durch die Luft geschleudert. Manche schlugen zunächst auf dem Fahrzeug auf, bevor sie auf die Straße prallten. Einige schwebten zunächst in Lebensgefahr, wurden notoperiert, lagen im Koma, doch wie durch ein Wunder kam niemand ums Leben. Ein Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt trägt die Namen der Verletzten am Montag vor, dazu die jeweilige Art der Verletzungen und die erforderlichen Behandlungen. Die Aufzählung ist kaum zu ertragen, sie scheint kein Ende zu nehmen.

Der Angeklagte schweigt

Maurice P. hört regungslos zu. Auch später, als die Videos vom Tatort gezeigt werden, als sein silberner Mercedes zu sehen ist, der in die Menschen rast und als deren Schreie zu hören sind, zeigt er keine Emotionen. P. ist ein großer, beleibter junger Mann mit Zopf. Vor Gericht trägt er ein rotes Sweatshirt, Jeans, schwarze Turnschuhe, mit denen er manchmal wippt. Auf die Fragen des Richters nach seinen Personalien antwortet er, danach verfolgt er ruhig, beinahe abwesend das Prozessgeschehen.

Quer durchs Zentrum des kleinen Ortes nördlich von Kassel soll P. an dem Tag gerast sein, um gezielt Menschen zu überfahren. Mehr als 140 Personen seien betroffen, das heißt verletzt beziehungsweise traumatisiert, sagt der Opferbeauftragte der Hessischen Landesregierung Helmut Fünfsinn. Fünfsinn war bis zum Frühjahr 2020 Generalstaatsanwalt in Frankfurt, damals hatte er dafür gesorgt, dass das Verfahren zu Volkmarsen von seiner Behörde übernommen wurde. Anfangs war schließlich unklar, ob nicht ein extremistischer Hintergrund vorliegt. Danach sieht es nun nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft nicht mehr aus.

Im Frühjahr 2020 mordete in Hanau ein Rechtsextremer, kurz danach folgte die Amokfahrt von Volkmarsen. Beide Taten erschütterten Hessen nachhaltig. Fünfsinn kümmert sich um eine Betreuung der Opfer. Für die Angehörigen sei es ungeheuer schwierig zu ertragen, dass sie nicht wüssten, warum die Taten passiert seien, sagt er. Warum erschieße jemand scheinbar wahllos junge Menschen, warum fahre jemand in Menschenmengen? In Hanau werden die Angehörigen nie eine Erklärung dazu hören, der Täter erschoss sich selbst. Im Falle der Amokfahrt von Volkmarsen könnten die Opfer und Angehörigen den Grund für ihr Leiden erfahren, wenn P. denn reden würde. Doch der Angeklagte schwieg bei den Vernehmungen, er schweigt auch am ersten Prozesstag.

Zeuge: Die Tat war „bewusst und gewollt“

P. wurde 1990 im baden-württembergischen Herrenberg geboren. In einem Elektro,- Sanitär- und Heizungsbetrieb soll er in die Lehre gegangen, doch schon nach sechs Monaten entlassen worden sein. Später arbeitete er offenbar als Hilfsarbeiter. Als Einzelgänger, ja als beziehungsunfähig beschrieben ihn nach der Tat manche. Eine Erklärung aber hat niemand: Warum fuhr P., wie es die Staatsanwaltschaft darstellt, 42 Meter weit durch die Menschenmenge ohne vom Gas zu gehen? Nachdem sein Wagen zum Stehen gekommen war, soll er noch versucht haben, weiterzufahren – wurde aber von Herbeieilenden daran gehindert. P. soll ein Alkoholproblem gehabt haben, bei der Tat aber soll er weder unter dem Einfluss von Alkohol noch von Drogen gestanden sein. Das Motiv, sagt ein Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft am Montag, sei bislang nicht abschließend geklärt.

Videos vom Karnevalsumzug kurz vor der Tat zeigen bunt gekleidete Menschen, die zu lauter Musik auf offener Straße tanzen, Bonbons in die Menge werfen, dahinter Fachwerkhäuser. Mitten in die Teilnehmer sei das Fahrzeug gerast und habe dann den Kurs geändert, um nicht gegen eine Hauswand zu krachen, sagt am Montag vor Gericht ein Zeuge. Es ist ein Polizist, der den Umzug und damit die Tat privat gefilmt hatte – und den Film seitdem nicht mehr anschauen konnte. Er wäre beinahe selbst überfahren worden und habe den Mercedes mit quietschenden Reifen und „Minimum 70“ Stundenkilometern in Richtung des Umzugs einbiegen sehen, danach die „fliegenden Menschenkörper“, sagt der Mann. Die Tat sei „bewusst und gewollt“ gewesen.

Auch die Staatsanwaltschaft wirft P. vor, die Tat geplant zu haben. Demnach parkte er schon am Vorabend sein Fahrzeug so, dass er in den für den Umzug abgesperrten Bereich fahren konnte. Am Tattag wartete er auf einen „geeigneten Augenblick“. Im Auto hatte er demnach am Vortag eine Videokamera installiert, um die Tat aufzuzeichnen. Die Aufnahme setzte allerdings erst nach der Tat ein. Sie wird am Montag gezeigt: Scheibenwischer ziehen vor einer zersplitterter Scheibe hin und her, dazu gellende Schreie.

Warum? P. will dazu nichts sagen. Sein Mandant werde vom Schweigerecht Gebrauch machen, sagt einer der Strafverteidiger am Montag. Mit der Frage nach dem „Warum“ müssten die Menschen wohl weiter leben, sagt Fünfsinn, der Opferbeauftragte. Immerhin könne ein strafrechtlicher Prozess den Betroffenen der Taten eine Art Abschluss geben. Das Gericht hat sich dafür nun viel Zeit genommen. Bis Mitte Dezember sind Verhandlungstermine angesetzt.

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