Kultur

Stardirigent Zubin Mehta wird 85

Am 29. April, dem Tag, an dem er vor 85 Jahren in Bombay (dem heutigen Mumbai) auf die Welt kam, wird Zubin Mehta auf der Bühne stehen. Gemeinsam mit der Staatskapelle Berlin und seinem langjährigen Freund Daniel Barenboim am Klavier macht der Stardirigent dann Musik. Und weder Alter, noch eine vor kurzem überstandene Krebserkrankung und erst recht nicht der Lockdown, in dem sich die europäische Kultur immer noch befindet, können ihn bremsen. Auch seiner Vorliebe für das große klassische Repertoire bleibt Mehta treu: Auf dem Programm stehen Beethoven und Schubert.

Nur eins wird der Stardirigent vermissen: sein Publikum. “Es ist immer Teil der musikalischen Familie. Mir fehlt die Energie des Publikums”, so Mehta in einem Jubiläumsinterview. Und auch dem Publikum fehlten Konzerte: “Die Leute brauchen Musik. Auf jeden Fall.”

Ein Wiener aus Bombay

Weltbürger ist eine gute Beschreibung für den Maestro, der lebenslang zwischen den Kontinenten pendelt. Erst die Pandemie bescherte ihm die Erfahrung, länger als drei, vier Tage zu Hause zu verbringen: “Das war ich nicht gewohnt nach 60 Jahren in dieser Branche.”

Die Musik wurde ihm in die Wiege gelegt: Schon sein Vater Mehli Mehta war berühmter Konzertgeiger und gründete das Bombay Symphony Orchestra, das erste professionelle Orchester in Indien. Heute wohnt Zubin Mehta meistens in Los Angeles, behält jedoch seinen indischen Pass und fühlt sich als “ein zufällig in Indien geborener Wiener”. Er wuchs mit Schallplatten mit Einspielungen der Dirigenten Arturo Toscanini und Wilhelm Furtwängler auf. Wien jedoch war seine eigentliche musikalische Heimat.

Nach einem begonnenen Medizinstudium – “meine Familie war gegen die Künstlerlaufbahn, und in Indien sucht die Familie die Berufe für die Kinder aus” – wechselte Zubin Mehta 1954 mit 18 Jahren nach Wien und durfte an der Musikhochschule unter dem Dirigentenlehrmeister Hans Swarowsky studieren. Zu seinen Kommilitonen gehörten Claudio Abbado und Daniel Barenboim. Brahms’ Erste Sinfonie von den Wiener Symphonikern zum ersten Mal zu hören, sei für ihn eine Offenbarung gewesen: “Ich dachte, meine Ohren würden explodieren.”

Explosionsartig entwickelte sich dann auch seine Karriere. Bis 1961 – da war er gerade Mitte zwanzig – hatte er bereits die Wiener und die Berliner Philharmoniker dirigiert. 1961-1967 war er Chefdirigent des Montreal Symphony Orchestra, 1962-1978 Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic. 1978 nahm er als Nachfolger von Pierre Boulez den Chefsessel bei den New Yorker Philharmonikern an und blieb dort 13 Jahre lang. Er war Operndirigent in Florenz, San Francisco, New York, London, Wien, Salzburg, Mailand, Berlin – und ab 1998 für fünf Jahre als Bayerischer Generalmusikdirektor am Nationaltheater in München. Vor allen anderen ist es jedoch das Israel Philharmonic Orchestra, mit dem er sich am stärksten identifiziert. Über ein halbes Jahrhundert baute es Mehta als dessen “Dirigent auf Lebenszeit” zu einem internationalen Spitzenorchester auf.

Feuer und Schönklang
“Warm, rund, reich”, so charakterisierte Stanley Dodds den typischen Mehta-Klang. Dodds ist Geiger und Medienvorstand der Berliner Philharmoniker. Aber auch spürbare Freude am Musizieren, Energie und scharfe Kontraste sind Charakteristika seiner Interpretationen, die Mehta eine große Fangemeinde sicherten. Dabei half auch sein Spürsinn für öffentlichkeits- und medienwirksame Auftritte: 1990 leitete er den ersten Auftritt der “Drei Tenöre” José Carreras, Placido Domingo und Luciano Pavarotti und schwang erneut 1994 bei der Fußballweltmeisterschaft in den USA den Taktstock. Gleich fünfmal – 1990, 1995, 1998, 2007 und zuletzt 2015 – dirigierte er das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, mit 50 Millionen Zuschauern in 90 Ländern das meist geschaute Klassikevent weltweit.

Er verleiht grandiosen Opernproduktionen zusätzlichen Glanz. Er setzte Maßstäbe mit seinen spektakulären Inszenierungen der Opern “Tosca” und “Turandot”. Sie fanden an den Originalschauplätzen der jeweiligen Handlung statt, in Rom, und letztere – mit mehr als 300 Statisten und 300 Soldaten – in der “verbotenen Stadt” Peking.

Mehtas Privatleben

Das Feuer in seiner Musik entsprach einem flamboyanten Lebensstil. Nach der achtjährigen, gescheiterten ersten Ehe wurde ihm eine Vorliebe für “teure Frauen in schnellen Autos und schnelle Frauen in teuren Autos” nachgesagt. “Ich war ein wirklicher Bonvivant”, sagte Mehta selbst. Erst die im Jahr 1969 geschlossene Ehe mit der Amerikanerin Nancy Kovack, einer ehemaligen Film- und Fernsehschauspielerin, brachte Stabilität in sein Privatleben, die dann auch seiner Musikalität zugute kam: “Mit ihr hat sich mein Lebensstil grundlegend geändert, und mein Musizieren ist gereift.”

Seine Frau stand ihm auch zur Seite als 2018 der Anruf des aufgeregten Hausarztes kam: bei einer Schulteruntersuchung hatte dieser “Flecken in der Lunge” entdeckt. Es folgten acht Monate Kampf gegen die Krankheit. Dass Zubin Mehta wieder zurück ans Pult kehren konnte, grenzt schon an ein Wunder, was gebührend von der Presse gefeiert wurde.

Einsatz für Frieden und Versöhnung

Der Dirigent, der der Religionsgemeinschaft der Parsen angehört, die an die Lehren des Propheten Zarathustra glaubt, engagiert sich gern für die Völkerverständigung: Er setze sich etwa dafür ein, dass ein israelischer Araber in den Reihen des Israel Philharmonic Orchestra mitspielen darf – bisher allerdings erfolglos.

Er glaubt an die Kraft der Musik, Konflikte zu entschärfen, wenn auch mit Abstrichen: “Heute werden tausende von Konzerten überall in der Welt stattfinden”, sagte er in einem Gespräch mit der DW am 11. September 2011 zum zehnten Jahrestag der Terror-Anschläge in den USA. “Während der Dauer dieser Konzerte wird jeweils Frieden herrschen. Und so viele tausend Mal Frieden zählt sehr viel. Man darf die Macht der Musik nie unterschätzen.” Als wirklich friedensstiftender Faktor reicht diese Macht dennoch nicht: “Die Politik steht im Weg.” Aber immerhin: “Musik ist für mich Liebe.”

QUELLE

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