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Ein Humanist unter Palmen

Am heutigen 27. April jährt sich zum 500. Mal der Tod des Fernão de Magalhães, besser bekannt als Fernando Magellan. Die Reise, zu der er 1519 in spanischen Diensten aufgebrochen war, ging als erste Weltumseglung in die Geschichte ein – auch wenn dies nur einem seiner fünf Schiffe gelang, auf dem auch nur 18 seiner ursprünglich insgesamt 242 Männer zurückkehrten. Magellan selbst starb auf halber Strecke auf den Philippinen bei dem Versuch, widerspenstige Vasallen eines lokalen Fürsten, mit dem er Freundschaft geschlossen hatte, auf Linie zu bringen.

Einer jener 18 Überlebenden war Antonio Pigafetta. Er verfasste einen farbigen Reisebericht, der jetzt erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vorliegt. Pigafetta war als „Sobresaliente“ ohne feste Funktion an Bord, man könnte ihn vielleicht als eine Art Wissenschaftsoffizier bezeichnen, wenn es um Wissenschaft gegangen wäre. In Wahrheit ging es darum, die Molukken auf der Westroute zu erreichen, nachdem die Ostroute von der portugiesischen Konkurrenz kontrolliert wurde. Denn nur auf den Molukken wuchsen damals die begehrten Gewürznelken. Auch eine Weltumseglung war keineswegs beabsichtig gewesen. Wäre die Expedition glücklicher verlaufen, wäre man wohl über den Pazifik zurückgekehrt. Tatsächlich taucht das Motiv der „Umrundung der Welt“ zuerst in dem nach der Rückkehr verfassten Bericht Pigafettas auf.

Pflanzen waren ihm nur ein Teil der Landeskunde

Pigafetta war ein Humanist im richtigen Sinne des Wortes: ein an allem Menschlichen Interessierter, der sich Wörterbücher über die patagonische und malaiische Sprache anlegte und Beobachtungen über Tracht und Gebräuche der Völker notierte. Umso mehr lässt sich an ihm ablesen, wie wenig damals die außermenschliche Natur als Gegenstand reiner Neugier in Frage kam. Man betrachte nur Pigafettas Interesse für die exotischen Pflanzen, denen er begegnete. Das ist nämlich so gut wie nicht vorhanden. Näher beschrieben werden von ihm nur der Nelkenbaum Syzygium aromaticum, dessen Produkt das ganze Unternehmen galt, sowie der Zimtbaum. Pigafetta nennt zwar auch viele andere Gewächse, darunter die Ananas („sehr süße Pinienzapfen – wahrlich die herrlichste Frucht, die es gibt“), Bananen („Feigen so lang wie eine Spanne“) oder Kokosnüsse („Geschmack von Mandeln“), doch es sind einzig und allein Nutzpflanzen, die er der Erwähnung für würdig befindet. Besonders genau nimmt er es auch dann nicht. Die Nuss der Betelpalme (Areca catechu) etwa, Gegenstand einer in Südostasien noch heute verbreiteten Praxis des Drogenkonsums, interessierte ihn einmal mehr nur landeskundlich („Sie stärkt ihnen sehr das Herz. Wenn sie aufhören würden, sie zu kauen, würden sie sterben“). Dass die Blätter des Betelpfeffers (Piper betle) – in die man die gehackten Betelnüsse vor dem Kauen zusammen mit etwas gelöschtem Kalk wickelt – von einer völlig anderen Pflanze stammen, entgeht seiner Aufmerksamkeit.

Pflanzen wurden für Entdeckungsreisende erst im 18. Jahrhundert ein Thema, als James Cook oder Louis Antoine de Bougainville ausgebildete Botaniker an Bord hatten. Die Flora Südostasiens, durch die Pigafetta reiste, wurde sogar erst von Carl Ludwig von Blume (1796 bis 1862) umfassend erforscht, einem deutschen Botaniker in niederländischen Diensten. Unter anderem beschrieb er eine Palmengattung, die durch ihre Höhe von bis zu 50 Metern sicher auch Magellans Sobresaliente aufgefallen sein dürfte, ohne aber dadurch seine Neugier zu wecken. Blume aber nahm ihm die humanistische Ignoranz nicht krumm und benannte deren Gattung Pigafetta.

QUELLE

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