Kultur

Exzentrischer Kunstrebell: Markus Lüpertz zum 80.

“Überleben ist entscheidend genug – und 80 geworden zu sein, finde ich auch schon erstaunlich. Ich hoffe, ich habe noch etliche Jahre, weil ich noch nicht da bin, wo ich sein will und noch nicht das gemacht habe, was ich letztlich will”, sagte  Markus Lüpertz kurz vor seinem Geburtstag in einen Interview mit der Presseagentur dpa. Über zu wenig Anerkennung und Aufmerksamkeit kann sich der Maler allerdings nicht beschweren, auch wenn die Pandemie ihm, wie er bedauert, “ein bis zwei Jahre gestohlen” habe. Dass über ihn gern und viel geredet wurde, dafür hat er selbst gesorgt.

Ein Meister der Selbstinszenierung

Der am 25. April 1941 im böhmischen Liberec geborene Maler ist ein Meister der Selbstinszenierung. Da wäre zunächst sein auffälliges Erscheinungsbild. An den Fingern trägt er auffällige Ringe, sein Handgelenk ziert meist eine goldene Rolex, ein Chauffeur fährt ihn im Rolls Royce zu Vernissagen. Von den Nobel-Karossen soll er gleich mehrere in der Garage stehen haben.

Das Image des exzentrischen Rebellen pflegt er auch als Künstler gern. Im Gegensatz zu den vorherrschenden abstrakten Tendenzen in der Malerei seiner Zeit gestaltet der junge Lüpertz früh einfache gegenständliche Motive in expressiver – aber gegenständlicher – Manier.

Deutschland als Thema der Kunst

Ein zentrales Thema seiner künstlerischen Auseinandersetzung ist Deutschland und seine Geschichte im 20. Jahrhundert. Ab 1968 tauchen Stahl- oder Wehrmachtshelme, Fahnen, Geweihe, Schaufeln und Uniformen in seinen Gemälden auf.

Klischees voller Pathos, aus denen Lüpertz eine eigene Bildsprache entwickelt, die sich mit Krieg, Tod und Angst auseinandersetzt. 1973 würdigt ihn die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden in einer ersten Einzelausstellung. “Schwarz Rot Gold I” hieß ein Bild aus dem Jahr 1974. Wie ein Gespenst ohne Kopf schwebt ein grüner Stahlhelm über Uniform und Kanonenwagen. Grellgelb erhebt sich dahinter das Schlachtfeld.

Markus Lüpertz schafft keine Abbilder der Wirklichkeit. Seine Werke erzeugen Assoziationsräume, die Erinnerungen wecken sollen, Vorstellungen entfachen. Seine Bilder irritieren und werden als Tabubruch bewertet. Das liegt auch an den monumentalen Formaten.

Malerei als Königsdisziplin

Viele Leinwände messen fünf oder sechs Meter. Die Motive und die eher abgetönten Farben erinnern manchmal ans Militärische: grün, braun oder ocker. Seine Malerei überschreibt er mit dem Titel “dithyramisch”, eine Referenz auf den wechselnden Chorgesang der alten Griechen “Dithyrambos”.

Parallel dazu arbeitet er in seiner Malerei mit kunsthistorischen Versatzstücken. Es tauchen Zitate von Gemälden der französischen Klassiker Nicolas Poussin oder des Landschaftsmalers Camille Corot auf, die er neu interpretiert. Ab 1985 setzt er sich mit antiken Themen auseinander. Schnell reihte sich eine Ausstellung an die nächste – seine Werke werden in der ganzen Welt gezeigt.

Ein deutsches Fluchtschicksal

Die große Karriere als Künstler war Markus Lüpertz nicht vorherbestimmt. Seine Familie flüchtet 1948 aus Böhmen ins Rheinland. Mit 20 zieht es ihn nach Berlin, er stürzt sich in die Malerei und das Leben der wilden 1960er-Jahre. Er kommt aus kleinen Verhältnissen und arbeitet sich nach oben hoch. Schon mit 33 Jahren erhält er eine Professur an der Kunstakademie in Karlsruhe. Nach kurzer Zeit wechselte er an die Kunstakademie nach Düsseldorf, zunächst als Professor – dann übernimmt er von 1987 bis 2009 das Rektorat. Bei den alljährlichen Tagen der offenen Tür gleicht die Präsentation der Lüpertz-Klasse stets einem Gesamtkunstwerk: Die Schüler kleiden sich so auffallend wie ihr Lehrer und malen in seinem Stil.

Zu dem Bild, das Lüpertz nach außen vermittelt, passt nicht, dass er sich selbst als “religiös” bezeichnet. Einen Studienaufenthalt im Kloster Maria Laach, bei dem er sich mit Kreuzigungsbildern auseinandersetzte, nannte er als Initialzündung, um zum katholischen Glauben zu konvertieren. 1989/90 gestaltet er das erste Kirchenfenster: für die Kathedrale von Nevers im französischen Burgund. Ab 2006 entwarf er elf Kirchenfenster für die Kirche St. Andreas in Köln. 2018 spendiert Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder der Stadt Hannover ein bleiverglaster Lüpertz-Fenster. Dagegen zog ein Erbe des Architekten vor Gericht. Die Entwürfe würden nicht zur “schöpferischen Grundaussage” der Architektur passen. Das Landgericht Hannover entschied zwei Jahre später für Markus Lüpertz.

Göttin der Liebe stößt nicht auf Gegenliebe

So vehement, wie er beim Malen die Leinwand attackiert, erstreitet sich Lüpertz auch seinen Platz als Bildhauer. Der Rebell von einst wandelt sich zum Künstler der Mächtigen. Seine “Philosophin” (1998) empfängt die Besucher im Bundeskanzleramt.

Wieder sind die Ausmaße enorm. Eine Skulptur des Bundesadlers entsteht 2001 im Auftrag des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe. Im selben Jahr wehren sich die Bürger von Augsburg gegen die Aufstellung der Skulptur “Aphrodite”. Sie ist ihnen schlicht zu hässlich. Auch Lüpertz’ Mozart-Statue in Salzburg rief 2005 heftige Ablehnung in der Bevölkerung hervor. Seine Skulpturen sind weder Porträts noch Denkmäler, sondern vor allem abstrakte Formen, die ihm einen neuen Weg zur Malerei ermöglichen. Mehrere Meter hoch bauen sich die klobigen, mit Farbe bearbeiteten Werke, meist aus Bronze, vor dem Betrachter auf.

Lüpertz-Werke in China verschwunden

Die Kunstwerke von Markus Lüpertz werden weltweit ausgestellt. Als in China 2018 auf mysteriöse Weise mehr als 150 Kunstwerke aus einer Ausstellungstournee verschwinden, reist Lüpertz selbst als Detektiv in das Land der Mitte, um sie zu suchen. Erst nach zwei Jahren tauchen einige wieder. Der Großteil bleibt jedoch verschollen.

Trotz immer wieder aufbrandender Kritik steht Lüpertz’ Werk für die große Vielseitigkeit des Künstlers. Malerei, Zeichnungen, Skulpturen, Kirchenfenster, Musik und sogar Lyrik: Er wollte sich nie auf eine Stilrichtung festlegen. Und so klingt es fast logisch, dass er von sich selbst anlässlich seines 80. Geburtstags sagt, dass er noch immer nicht gefunden habe, wonach er suche – dem absoluten Kunstwerk.

QUELLE

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