Kultur

Welttag des Buches: Die Geschichte des Eselsohrs

Leseratten können nicht genug bekommen von gedruckter Lektüre. Sie verlieren sich nicht nur am 23. April, dem Welttag des Buches, in den Tiefen eines Romans. In Zeiten von Corona, belegen Studien, wird noch mehr gelesen, und viele greifen zu gebrauchten Büchern. Kommerzielle Anbieter kategorisieren ihre angebotenen Titel je nach Zustand und bilden damit meistens auch ganz gut ab, wie gut die Schmöker tatsächlich erhalten sind. Private Verkäufer finden dagegen oftmals kreative Formulierungen: “Mit einem kleinen Eselsohr hier und einem Knick dort, aber ansonsten tadellos erhalten.”

Spätestens hier graust es die Leserschaft, die nicht nur auf den Inhalt eines Buches, sondern auch auf die Ästhetik achtet: Beim Eselsohr, umgangssprachlich einer umgeknickten Ecke eines Papierblattes, besonders einer Buchseite, hört der Spaß auf. Der Knick ähnelt allgemein einem Ohr und weniger den konkret abgeknickten Ohren eines Esels, denn die stehen in der Regel gespitzt in die Höhe.

Trotzdem ist die Bezeichnung treffender als etwa die englische Entsprechung “dog ear” (Hundeohr), schließlich bezeichnen wir eine große Dummheit auch als Eselei. Und was, bitte, ist das Einnicken einer Buchseite aus Bequemlichkeit oder in Ermangelung eines Lesezeichens anderes als eine Dummheit?

Warnhinweise für Buchmisshandler im Harry Potter-Roman

Irma Pince, die Bibliothekarin der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei aus den Harry-Potter-Romanen, hatte einen unmissverständlichen Warnhinweis ausgehängt: “Wer Bücher zerreißt, zerfetzt, zerschnipselt, verbiegt, faltet, verunstaltet, entstellt, beschmiert, bekleckst, durch die Gegend wirft, fallen lässt oder auf andere Weise beschädigt, misshandelt oder mit mangelndem Respekt behandelt, dem jage ich die schlimmsten Strafen auf den Hals, derer ich fähig bin.”

In der Realität muss eine verknickte Seite nicht zwangsläufig zu körperlichem Schaden führen, Strafe droht aber dennoch. Bei den öffentlichen Bibliotheken gilt das Einknicken einer Seite – beabsichtigt oder versehentlich – als Sachbeschädigung, für die Ersatz oder Entschädigung fällig werden kann.

Im privaten Kreis können ausgeliehene und in lädiertem Zustand zurückgegebene Bücher den Fortbestand von Freundschaften gefährden. Eselsohren können Eltern auch am eigenen Kind verzweifeln lassen. Bücher haben einen Wert – nicht nur den materiellen, der hinten unter dem Klappentext steht, sondern einen emotionalen.

Irreparabler Schaden?

Das größte Problem: Selbst ein geglättetes Eselsohr hinterlässt in der jeweiligen Buchseite Spuren der unsachgemäßen Behandlung. Sind Eselsohren also irreparabel? “Kurz und knapp: Ja!”, sagt Frauke Grenz von der Papierwerkstatt Friedrichshagen. “Der Knick verletzt die Fasern des Papiers, das lässt sich leider nicht beheben.”

Mit ihrem Team restauriert Frauke Grenz Bücher, glättet und bindet Seiten, repariert Buchrücken. Neben Privatleuten arbeitet die Werkstatt auch für Bibliotheken, wodurch schon mal eine Bibel aus dem Jahr 1737 auf dem OP-Tisch liegt. “Bei so alten Büchern kommen erschwerend Staub und Trockenheit dazu.” Ein Eselsohr könne beim Zurückbiegen brechen, wenn das Papier morsch sei, erklärt die Expertin Im Gespräch mit der DW.

Ihre Kundschaft komme häufig mit Büchern in die Werkstatt, deren Aufbereitung sich auf den ersten Blick nicht lohne. Sie empfehle dann zunächst, das Buch irgendwo gebraucht nachzukaufen. “Wenn aber eine Widmung drin steht oder es von der Mutter hinterlassen wurde, ist die emotionale Bindung an genau dieses Exemplar oft so groß, dass wir uns an die Arbeit machen.”

Immerhin, es gibt Tricks, das Eselsohr etwas zu glätten – auch zu Hause. “Bügeln ist eine super Idee, vorsichtig und mit etwas Löschpapier dazwischen, das die Wärme ableitet”, empfiehlt Frauke Grenz. Fortgeschrittene könnten betroffene Ecken auch mit Alkoholwasser einsprühen und in eine Presse setzen. Restlos verschwinden werden sie allerdings nicht. Für die Restauratorin kein Problem: “Es tut dem Inhalt keinen Abbruch. Mir ist wichtiger, dass der Einband gut in der Hand liegt und nicht abgegriffen ist.”

Erwähnung schon im 17. Jahrhundert

Eindeutig zu datieren ist die erste Erwähnung des Eselsohrs in der Bedeutung als geknickte Seite nicht. 1838 begannen die Gebrüder Grimm, Begriffe für das Deutsche Wörterbuch zusammenzutragen, das erstmals 1854 erschien und wegen seiner Verfasser auch “Der Grimm” genannt wird. Bereits darin war das Eselsohr als “folium libri complicatum” enthalten – als “merkzeichen im gelesenen buch durch einbiegen einer blattecke”.

Und schon im 17. Jahrhundert schrieb der Dichter Andreas Gryphius (1616-1664): “drein [in Bücher] setzt er manche hand und stern und eselsohr und durchflochten band”. Obwohl sich Johannes Gutenbergs Buchdrucktechnik bereits im 15. Jahrhundert verbreitet hatte, ist die Erwähnung des Eselsohrs im 17. Jahrhundert ziemlich erstaunlich: In jener Zeit waren Bücher nicht für jedermann erschwinglich. Lesen war Bildung und Bildung war Luxus. Und trotzdem machten manch feine Leute offenbar einen Knick in die Ecken der kostbaren Seiten.

Nicht mal die Digitalisierung hat das Eselsohr bislang ausgemerzt. Das liegt nicht nur daran, dass das gedruckte Buch nach wie vor gute Verkaufszahlen verbucht und sich (und seine Eselsohren) nicht vom technologischen Fortschritt verdrängen ließ. Als Hommage an analoge Lektüre-Zeiten haben manche E-Book-Reader und AppsEselsohren eingebaut: Mit einem Tippen auf den Bildschirm erscheint ein dreieckiges Lesezeichen am Bildschirmrand.

Ein vermutlich im 17. Jahrhundert geprägter Begriff überdauert die Epochen also bis in unsere Umgangssprache der Gegenwart – und übersteht sogar die Transformation in ein digitales Medium. So schwer es Buchliebhaberinnen und -ästheten fallen mag: Man muss die Eselei der umgeknickten Buchecke wohl als Kulturtechnik anerkennen.

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