Kultur

Waldfegen: Ein künstlerisches Ritual

Ivo Weber wartet in einem Waldstück in der Nähe von Köln. Nicht gerade ein Natur-Idyll: Nur wenige Meter entfernt versperrt die Lärmschutzwand einer Autobahn den Blick, Regionalzüge rauschen über Bahngleise vorbei. Aber: Ich bin ja nicht hier, um Ruhe und frische Luft zu genießen, sondern um zu arbeiten, besser gesagt: Kunst zu machen. Ivo Weber hat mich eingeladen, mit ihm den Wald zu fegen. Der Künstler hat bereits eine circa 30 Quadratmeter große Fläche mit blauem Bindfaden markiert. “Ich habe mit den Bäumen gesprochen. Die fanden es gut so”, sagt Weber lachend. Der Kölner Künstler veranstaltet das Waldfegen seit 17 Jahren, immer an derselben Stelle. Der Mittfünfziger ist Künstler und studierter Philosoph. Meistens lädt er nicht nur eine Person ein, sondern eine Gruppe von Menschen, die mit Gartenrechen ans Werk gehen. “Diesen Wald habe ich mir irgendwann ausgesucht und dann habe ich das Waldfegen angefangen. Der Ort begleitet mich und ich ihn”, sagt er.

Wald durch Corona als Ort der Ruhe neu entdeckt

Gerade jetzt, wo der Wald im gesellschaftlichen Bewusstsein einen Höhenflug erlebt und viele ihm nahezu therapeutische Kräfte zuschreiben, als kleine Flucht vor Home und Homeoffice, bin ich gespannt, welche neuen Facetten das Waldfegen eröffnet. Schon bevor ich loslege, merke ich: Waldfegen schärft die Beobachtung und das ökologische Bewusstsein. Wie in vielen Wäldern leidet auch im Kölner Umland der Baumbestand unter der zunehmenden Trockenheit. Ivo Weber, der diesen Ort seit so vielen Jahren beobachtet, hat in den vergangenen Jahren Veränderungen durch den Klimawandel festgestellt: jedes Jahr sehe die Fläche anders aus, sagt er. Die zunehmende Trockenheit verändere die Vegetation am Boden und auch die Bäume, deren Kronen durch die Dürre immer lichter werden. Diesen Ort künstlerisch zu bearbeiten, sei für ihn eine Verpflichtung geworden. “Das Tolle ist, dass ich da gar keine Frage mehr stellen muss, sondern: Ich muss es tun”. Und jetzt auch ich.

Ivo Weber drückt mir einen Rechen in die Hand und erläutert mir, worauf es beim Waldfegen ankommt: Das Laub muss heraus aus der markierten Fläche und am Rand einen Wulst bilden. Der Grund: “Dann kriegen wir ein schönes Bild zustande.”

Rituale als fester Prozess der Kunst

Das Waldfegen folgt einem immer gleichen Ritual; es hat etwas sehr Meditatives. Es kommt mir vor, als würde ich die Fläche streicheln. Erst kommt das Laub zur Seite, dann entsteht ein Foto, aufgenommen von einer Leiter. Jedes Bild ist anders. Die Vegetation und damit das Spiel der Farben der Natur verändern sich. Mal ist die Fläche größer, mal kleiner, die Gäste posieren jedes Mal anders.

Ivo Weber gibt Fotos und Zeichnungen vom Waldfegen als Künstleredition heraus – oder er verewigt sie auf Plakatwänden im öffentlichen Raum. Vom 14. bis 20. April 2021 werden sie dank eines Stipendiums in ganz Deutschland zu sehen sein. Und was ist jetzt genau die Kunst – das Fegen oder das Bild davon? Aktion und Bild seien gleich wichtig, sagt Ivo Weber. Es gehe um das Gefühl, der Natur nahe zu kommen, sie zu hören, zu riechen und zu beobachten. Mit der Beteiligung anderer Menschen beginne der künstlerische Prozess. “Da fängt die Plastik an, weil sie schon diesen Schritt getan haben in die Kunst.”

Bewusstsein schärfen in der Natur

Beim Fegen verändert sich nicht nur das Aussehen der Fläche, der Waldboden beginnt feucht und erdig zu riechen. Erstaunlich, wie sich dieses kleine Stück Natur innerhalb von 20 Minuten in eine Kunstfläche verwandelt. Ein neuer Raum entsteht. Doch kaum ist die Arbeit getan, geht es wieder zurück auf Anfang: Wir fegen das Laub zurück und decken die Fläche wieder zu. Ein bisschen absurd erscheint mir das schon. Ivo Weber ist es wichtig, viele Aspekte zusammenzubringen, wie er sagt: “Die Idee, die Ironie, dieses Unsinnige.”

Zum Waldfegen-Ritual gehört deshalb auch noch ein gemeinsames Essen. Das verleiht der Aktion eine Mischung aus Achtsamkeitsübung und künstlerischem Katechismus. Jedes Fege-Team bekommt auch ein eigenes Utensil. Passend zur Pandemie hängt diesmal an einem Baum ein Bildnis des Heiligen Sebastian, Schutzpatron der Waldarbeiter und Trostspender während der Pest, am Stamm steht ein kleiner Blumenstrauß in einer Vase. Daneben teilen Ivo Weber und ich eine Maultaschensuppe und essen Seelen – so heißen die länglichen Brote, die der Künstler selbst gebacken hat. So vereint die Kunst viele Bedürfnisse auf einmal. Und während der Corona-Krise fühlt sich dieses Ritual in der Natur besonders gut an. Es gibt Kraft und regt zum Nachdenken an.

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