Wissen

Hauptsache, anderer Meinung

Gibt es tatsächlich eine Covid-19-Pandemie? In manchen Kreisen wird diese Frage tatsächlich ernsthaft diskutiert wird. Sie behaupten, es handele sich um eine „Test-Pandemie“, weil mit Hilfe der Selbst- und PCR-Tests keineswegs Erkrankungen, sondern lediglich Spuren viralen Erbguts nachgewiesen würden. Mit dieser Begründung wurden in mehreren Ländern Klagen gegen Schulschließungen und Lockdowns angestrengt – bisher ohne Erfolg. Werden diejenigen, die an der offiziellen Darstellung zweifeln, angesichts juristischer Niederlagen und wissenschaftlicher Gegenargumente ihre Meinung korrigieren? Eher nicht, so das Ergebnis einer kürzlich veröffentlichten Studie zur Hartnäckigkeit abweichenden Wissens im Fall der „alternativen biomedizinischen Bewegung“.

Autismus gilt üblicherweise als Entwicklungsstörung, die zu Beeinträchtigungen der Kommunikationsfähigkeit und zu einem eingeschränkten Verhaltensrepertoire führt. Ihre Ursachen sind ungeklärt. Sowohl genetische Faktoren als auch Umwelteinflüsse, wie das Alter der Mutter, werden als Risikofaktoren diskutiert. Es gibt deshalb keine wirkungsvolle Therapie, keine Heilung. Die alternative Biomedizin lehnt dieses weithin akzeptierte Modell autistischer Störungen ab. Sie vermutet, dass es sich bei Autismus um eine immunologisch begründete Erkrankung handelt, die durch Umwelteinflüsse ausgelöst wird, insbesondere durch Impfungen in der frühen Kindheit. Daraus ergeben sich auch Konsequenzen für die Behandlung, möglicherweise sogar Heilung der Krankheit.

Von Kühlschrank-Müttern und alternativen Therapieformen

Angesichts der überwältigenden Ablehnung, die diesen Ideen in der Wissenschaft entgegenschlägt, fragt sich, wie sie sich behaupten und Anhänger finden können. Die alternative biomedizinische Bewegung muss ohne Rückhalt in der etablierten Wissenschaft auskommen und deshalb gegen diese agieren. Einer ihrer Stichwortgeber, der amerikanische Psychologe Bernard Rimland, stieß in den 1960er Jahren mit seiner Kritik an der damals vertretenen Theorie, Autismus sei eine Folge von emotional distanzierten „Kühlschrank-Müttern“, durchaus auf Interesse. In der Folge wurden seine Thesen und Therapien aber vielfältig kritisiert und widerlegt. Die an seinen Ideen orientierte alternative Biomedizin kann sich deshalb nicht auf „Gegenexperten“ aus dem Bereich der Wissenschaft berufen, sondern muss von außerhalb der Wissenschaft gegen den wissenschaftlichen Konsens argumentieren.

Doch wie kann eine Bewegung sich gegen Wissenschaft richten und damit Eltern auf der Suche nach Therapiemöglichkeiten mobilisieren? Beobachtungen von Konferenzen und Arzt-Patienten-Interaktionen sowie Interviews mit Eltern und Praktikern zeichnen das Bild einer Gemeinschaft, die sich ihres prekären Status bewusst ist. Ihre Impfskepsis bringt ihr regelmäßig schlechte Presse ein, und die medizinische Profession wie Gesundheitsbehörden ergreifen immer wieder Maßnahmen gegen Ärzte, die „alternative“ Therapieformen anbieten. Bekannt wurde etwa der offiziell als Selbstmord eingestufte Tod eines Alternativmediziners nach einer Untersuchung seiner Praxis, in der ein aus menschlichem Blut gewonnenes, für tausend Dollar pro Dosis aus Bulgarien importiertes „magisches Protein“ verabreicht worden war.

Auf die wahrgenommene Stigmatisierung reagiert die Biomedizin-Alternative mit zwei Gegenstrategien. Auf der einen Seite berufen sich ihre Vertreter auf Standards und Reputationskriterien der Schulmedizin: Doktortitel werden als Belege medizinischer Professionalität betont und die Etikettierung als „alternativ“ abgelehnt. Vielmehr handele es sich um „Zusatzqualifikationen“ und bei experimentellen Behandlungsmethoden um Forschung. Auf der anderen Seite werden die Unterschiede zur konventionellen Medizin herausgestellt: Wo diese nichts mehr anzubieten habe, müsse man eben „outside the box“ denken. Wenn Studien, die Verbindungen zwischen Impfungen und Autismus behaupten, widerlegt werden, gibt dies keinen Anlass zu Skepsis, sondern dazu, jene Behauptungen als „unorthodox“ zu loben. Überzeugte Eltern gelten nicht als leichtgläubig, sondern als besonders engagiert, weil sie trotz großer Widerstände an der Perspektive einer Heilung festhalten.

Die lose Anlehnung an die Glaubwürdigkeitskriterien der Schulmedizin bei gleichzeitiger Betonung der eigenen Nonkonformität ermöglichen es der alternativen Biomedizin, sich als intellektuell und moralisch überlegen zu inszenieren. Ähnlich wie bei Impfgegnern und Corona-Skeptikern ist nicht zu sehen, wie Aufklärung und mehr Wissen eine Überzeugung korrigieren könnten, die ihren Zuspruch vor allem der Tatsache verdankt, dass sie einfach „anders“ ist.

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