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Wenn der Salat im Supermarktregal wächst

Glasvitrinen in Lebensmittelläden sind nichts Ungewöhnliches. Aber was hat diese hier inmitten der Gemüseabteilung eines Frankfurter Supermarktes verloren? Tatsächlich liegt dort weder Wurst noch Käse hinter Glas, stattdessen strecken sich Kräuter ins lila Kunstlicht. Es handelt sich um ein kleines Gewächshaus. Die Kundschaft blickt interessiert bis skeptisch. Das saftige Grün passt nicht recht zu den Tabletts, auf denen die Pflänzchen in Reih und Glied fixiert sind, wie in einem Labor. Ein Regal weiter wandert dann schließlich doch die Blattpetersilie der Hausmarke in den Einkaufswagen – Herkunft: Deutschland, Marokko oder Spanien, kann je nach Angebot abweichen.

Spanische Gewächshäuser sind nun nicht gerade für ihren sparsamen Umgang mit Wasser, Düngemitteln oder Pestiziden bekannt. Ganz anders jene Glasvitrine. Sie wurden gezielt entwickelt, um die Nutzpflanzen darin möglichst ressourcenschonend wachsen zu lassen. Denn weltweit stößt die Lebensmittelproduktion zunehmend an Grenzen: Ackerflächen und Trinkwasser sind schon heute vielerorts rar, und der Klimawandel samt seiner Begleiterscheinungen wird das Problem in etlichen Weltgegenden künftig eher noch verschärfen. Hinzu kommt das Bevölkerungswachstum. Im Jahr 2050 werden laut Hochrechnungen der Vereinten Nationen etwa 9,7 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, rund ein Drittel davon die Ballungsräume großer Städte. Schon vor mehr als zwei Jahrzehnten hat daher Dickson Despommier von der New Yorker Columbia University begonnen, sich mit Möglichkeiten für besonders sparsame Treibhäuser zu beschäftigen. Die Idee steht auch hinter jenen Glasvitrinen, die das Berliner Unternehmen Infarm in Supermärkten aufstellt.

Das Sparen geht dort schon beim Platz los. Auf engstem Raum gedeihen die Pflanzen übereinandergestapelt in Regalen – „Vertical Farming“ nennt sich diese neue Form des Ackerbaus. Wird in einem vollständig verschlossenen Raum zudem gänzlich auf Sonnenlicht verzichtet, spricht man vom „Indoor Farming“. Umsetzen lässt sich das im Prinzip auf jeder Größenskala: Während Agrarunternehmer Salate und Kräuter in fußballfeldgroßen Industriehallen produzieren oder Glasvitrinen in Supermärkten aufstellen, züchten Hobbygärtner ihr Grünzeug in Miniaturfarmen, die auf den ersten Blick aussehen wie extravagante Mikrowellenöfen.

Aus dem Versuchsstadium ist Vertical Farming dabei längst heraus. Das Marktforschungsunternehmen Global Market Insights prognostiziert eine Wachstumsrate von rund 28 Prozent bis 2026. In Amerika, Japan, aber auch in Dänemark oder den Niederlanden wird bereits im großen Stil vertikale Landwirtschaft betrieben. Ein Pionier ist auch die deutsche Firma Infarm, die eigenen Angaben zufolge bereits auf einer Fläche von 50.000 Quadratmetern Salate und Kräuter indoor produziert – hauptsächlich in Supermärkten und Restaurants. Mit zentralen Indoor-Systemen in Fabrikhallen, sogenannten Growing Centern, will das Unternehmen diese Fläche innerhalb von fünf Jahren verzehnfachen. Derweil tüfteln Forscher und Unternehmer auf der ganzen Welt an Indoor-Farming-Technologien.

Die Senkrechte allein bringt dem Klima nichts

„Durch den Anbau in der Vertikalen können wir auf gleicher Fläche mehr als hundertmal so viele Lebensmittel produzieren“, sagt Simon Vogel, der als Biologielaborant am Fraunhofer IME in Aachen an Indoor-Farming-Konzepten arbeitet. Der Bedarf ist erheblich: Auf der Hälfte der Fläche Deutschlands werden heute Lebensmittel angebaut, und trotzdem werden hierzulande rund 65 Prozent des Gemüses importiert. „Mit Hilfe der Indoor-Farmen müssen weniger Lebensmittel importiert werden“, sagt Vogel. Flächensparende Gewächshäuser passen sogar in städtische Ballungsgebiete. Kräuter und Salate wachsen dann dort, wo sie verzehrt werden, was den Transportbedarf und daher die CO2-Emissionen reduziert.

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