Wirtschaft

Wie Lieferando mit nachgebauten Restaurant-Webseiten deren Kundschaft weglockt

Baut Lieferando Restaurant-Webseiten nach, um den eigenen Umsatz zu steigern? Das soll eine Recherche des “BR” ergeben haben. Der niederländische Konzern “Just Eat Takeaway”, zu dem Lieferando gehört, soll demnach europaweit mehr als 120.000 Domains angemeldet haben, die jenen der jeweiligen Restaurants ähneln. Auch in Deutschland habe das Unternehmen über 51.000 solcher Domains gekauft. Auf 18.000 der Webseiten gäbe es eine Bestellfunktion, die über Lieferando abgewickelt werde. Kunden und Kundinnen denken derweil, sie würden direkt beim Restaurant bestellen.

Gegenüber den Journalisten und Journalistinnen des “BR” hätten sich einige Restaurant-Betreibende über das Modell beklagt und es als “unfair” bezeichnet, heißt es. Der Restaurantinhaber Vinh Tan Pham aus München habe gesagt, der Konzern dränge sich “in den Vordergrund”: Die Lieferando-Webseiten für sein Restaurant würden bei Google höher gelistet werden als seine eigene Homepage, so Pham.

Der Recherche zufolge liege das an bezahlten Anzeigen durch Lieferando, die in den Suchergebnissen höher gelistet werden – und der Suchmaschinenoptimierung der Konzern-Webseiten. Zudem kooperiert der Marktführer in Essensbestellungen mit Google, dem Marktführer für Online-Suchen. Kunden und Kundinnen können ihr Essen direkt über Google-Seiten bestellen, die Anfrage wird dann über Lieferando abgewickelt.

Restaurantbetreibende gaben an, nichts von den “Schattenwebseiten” gewusst zu haben

Andere Restaurantbetreibende, die die Journalisten und Journalistinnen befragten, wollen von den sogenannten “Schattenwebseiten” gar nichts gewusst haben. Dabei sind entsprechende Absätze tatsächlich in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen für teilnehmende Restaurants formuliert: “Takeaway.com kann im Rahmen der Plattform eine Restaurant-Website für das Restaurant erstellen und hosten”, steht dort. Und weiter: “Takeaway.com kann auf die Restaurant-Website einen Link zur Plattform setzen, damit die Kunden Bestellungen aufgeben können.” Doch genau dort liege auch ein Problem.

Der in der Recherche befragte Kartellrechtler Professor für Bürgerliches Recht Rupprecht Podszun habe erklärt, Lieferando dränge sich mit dem Modell zwischen die Restaurants und deren Kundschaft. Der direkte Zugang zu Kunden und Kundinnen gehe verloren, so Podszun: “Die Art und Weise, wie das gemacht wird, halte ich für unfair und sicherlich für rechtlich der Überprüfung wert”, zitiert ihn der “BR”. Außerdem werfe das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten auch die Frage auf, ob Lieferando seine Marktmacht hier ausnutze.

Das Bundeskartellamt soll auf eine Anfrage der “BR”-Journalisten und -Journalistinnen mitgeteilt haben, dass derzeit kein Verfahren gegen Lieferando laufe, man die Marktentwicklung aber “aufmerksam” beobachte.

Lieferando-Mutter steigerte den Umsatz im Corona-Jahr um 50 Prozent

Besonders in der Corona-Pandemie profitieren Bestelldienste wie Lieferando von der hohen Nachfrage. Der Umsatz des Lieferando-Konzerns “Just Eat Takeaway” stieg 2020 um 50 Prozent. Für viele Restaurantbetreibende ist die Zusammenarbeit mit dem Bestelldienst eine wichtige Einnahmequelle. Dafür geben sie laut “BR”-Recherchen 13 Prozent Provision an Lieferando ab, wenn sie das Essen durch eigene Fahrer ausliefern lassen – und bis zu 30 Prozent, wenn die Bestellungen von Lieferando-Fahrerinnen verteilt werden.

Würden Gäste ihre Bestellung wiederum direkt mit den jeweiligen Restaurants abwickeln, gingen die gesamten Einnahmen an deren Betreibende. Vielleicht lohnt sich also bald wieder der Anruf direkt bei der Pizzeria. Wie früher.

QUELLE

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