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Wir sehen uns auf dem Roten Planeten

Andere Länder, andere Sitten. Das scheint auch für das Verhalten von Raumfahrtingenieuren zu gelten, denen gerade ein kritisches Manöver geglückt ist. Nun war im Mohammed Bin Rashid Space Center in Dubai kein wildes Umarmen der Umstehenden zu erwarten, als dort am  Dienstagabend in der vergangenen Woche das Signal eintraf, welches das erfolgreiche Einschwenken der Sonde „Al-Amal“ (die Hoffnung) in die Umlaufbahn um den Mars meldete. Dergleichen verbat sich hier nicht nur aus Corona-Gründen, sondern auch weil ein gutes Drittel der Belegschaft weiblich war. Ein wahlloses Herzen unter Kolleginnen und Kollegen war selbst in diesem für die Nation besonderen Moment nichts, was in dem Golfstaat für schicklich gehalten worden wäre – auch wenn das zuständige Ministerium von einer 34 Jahre alten Informatikerin geleitet wird.

Stattdessen wurde applaudiert und dann andächtig den Worten seiner flugs in den Kontrollraum geeilten Hoheit Scheich Muhammad Bin Rashid Al Maktoum gelauscht. Der Herrscher von Dubai und Vizepräsident der Vereinigten Arabischen Emirate hatte diese erste Mission eines islamischen Landes zum Roten Planeten vor sechs Jahren angeordnet, um damit den 50. Jahrestag des Zusammenschlusses der Emirate im Jahr 1971 zu begehen. Mit dem Blick auf ein Zeitalter nach dem Öl will er sein Land als zukünftige Technologienation einführen. Auch wenn die volle Funktionstüchtigkeit der Sonde sich erst in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten erweist, ist das Zeichen gesetzt – und das wurde am Dienstag auch gefeiert: Über die Fassade des Superwolkenkratzers Burj Khalifa im Zentrum Dubais ergoss sich eine monumentale Lasershow mit Marsthemen, und der englischsprachige Staatssender „Dubai One“ begleitete die Ankunft der Sonde mit einer zweistündigen Liveshow. Denn immerhin: Nach Russen, Amerikanern, Europäern und Indern sind die Emiratis nun die fünfte Macht, der es gelungen ist, eine Sonde in den Marsorbit zu bringen.

Keine Party für die „Himmelsfrage“

Nummer sechs folgte bereits am Tag darauf, dem Mittwoch. Da zündete um 12:52 Uhr mitteleuropäischer Zeit das Haupttriebwerk der chinesischen Raumsonde „Tianwen-1“, und um 14 Uhr zeigte die Frequenzverschiebung ihres Funksignals an, dass auch die Mission aus dem Reich der Mitte in eine Marsumlaufbahn eingetreten war. Das war bereits elf Minuten zuvor geschehen, denn so lange brauchen Radiowellen für die 192 Millionen Kilometer, die den Mars gegenwärtig von der Erde trennen.

Aufgrund dieser Zeitdifferenz lassen sich Manöver von Marssonden nicht direkt von der Erde aus kontrollieren, sondern müssen vorab programmiert beziehungsweise autonom vom Bordcomputer gesteuert werden. Das ist eine der Schwierigkeiten, die Marsmissionen deutlich komplexer machen als solche im Erdorbit und die denen, die sie unternehmen, ein gewisses Maß an Raumfahrterfahrung und technischem Können abverlangen. Auch wenn die Chinesen 2018 mit der ersten jemals unternommenen Landung einer fahrbaren Sonde, eines sogenannten Rovers, auf der erdabgewandten Seite des Mondes einen wichtigen Erfolg verbuchen konnten, war ein Gelingen am Mars – wo bisher rund die Hälfte aller dorthin geschickten Sonden in der einen oder anderen Form gescheitert ist – keineswegs garantiert. Man sollte meinen, dass nun auch in Peking laut gejubelt wurde.

QUELLE

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