Kultur

Warum Deutschen ihre Online-Daten heilig sind

Bevor ich bereits für die Überschrift kritisiert werde, möchte ich an dieser Stelle eine Sache klar stellen: Ich unterstütze voll und ganz die Bemühungen jener Menschen, die ihre eigenen Daten schützen und kontrollieren wollen, wie Organisationen, Unternehmen oder Regierungen diese verwenden.

Apropos Unternehmen: Apple zum Beispiel sieht sich derzeit harscher Kritik von europäischen Datenschutzaktivisten ausgesetzt, die behaupten, das Unternehmen verwende Software, die das Verhalten von iPhone-Nutzern verfolgt.

Eine in Wien ansässige Nichtregierungsorganisation namens NOYB (die Abkürzung steht für: My Privacy is None of Your Business) hat sogar die Datenschutzbehörden in Deutschland gebeten, die Rechtmäßigkeit der speziellen Kennzeichnung für Werbetreibende (IDFA) zu prüfen, die ihrer Meinung nach auf ein Tracking ohne das Wissen oder die Zustimmung der Nutzer hinauslaufe – eine Praxis, die nach den strengen Datenschutzregeln der Europäischen Union verboten ist.

Wenn Sie aus einem Land kommen, in dem nicht so strenge Datenschutzregeln gelten, werden Sie in Deutschland eine Überraschung erleben.

Pseudo-Namen vs. reale Namen auf Facebook

Fast alle meine deutschen Freunde benutzen Pseudo-Namen auf Facebook, Twitter oder Instagram – wenn sie diese Apps überhaupt nutzen. Einige sind bei der Wahl ihres Namens sehr kreativ, andere generieren ein Alter Ego, indem sie ihren eigenen Vornamen spalten, wie meine Freundin “Chris Tina” oder mein langjähriger Nachbar “Alex Ander”.

Ich habe meinen Facebook-Account 2007 während eines Besuchs in den USA eröffnet. Damals war ich einfach nur naiv und wollte über diese Social-Media-Plattform mit den Menschen in Kontakt bleiben, die mir auf irgendeine Weise nahe stehen.

Warum ich meinen eigenen Namen vor meiner Familie oder meinen Schulfreunden verstecken sollte, war – und ist – mir bis heute ein völliges Rätsel. Mittlerweile verstehe ich, warum manche Deutsche das machen.

“Für mich geht es nicht so sehr darum, dass Facebook Informationen über mich findet. Angemeldet bin ich eh mit einer Pseudo-E-Mail-Adresse”, erzählt die 34-jährige Deutschlehrerin aus Köln “Isa Belle” über Telegram und bittet darum, nicht ihren vollen Namen zu verwenden. “Ich möchte vor allem nicht, dass meine Schüler mich auf diesen Plattformen finden und in irgendeiner Weise stalken. Oder dass sich zukünftige Arbeitgeber über mich auf den Social-Media-Plattformen informieren”, erklärt sie. “Ich möchte es den Leuten nur etwas schwerer machen, mich aufzuspüren und einen Einblick von meinem Privatleben zu bekommen.”

Warum verstecken? Warum nicht?

Wenn das Thema Datenschutz in Gesprächen mit Familie oder Freunden in meiner Heimat Israel zur Sprache kommt, winken viele ab mit der Behauptung: “Wer auch immer bestimmte Informationen über dich haben will, wird sie auf die eine oder andere Weise finden.”

Manche ziehen es sogar vor, Unternehmen leichteren Zugang zu ihren Daten zu gewähren, wie es eine alte Freundin von mir macht: “Wenn ich schon mit Werbung bombardiert werde, dann sollte es auch Werbung sein, die mich interessiert”, erklärt sie.

Apropos Werbung. Das ist einer von mehreren Punkten, auf den die Deutschen ziemlich allergisch reagieren. Sicher, es ist wahrscheinlich unvermeidlich, im Internet auf Werbung zu stoßen. Aber warum sollten wir den Unternehmen freiwillig einen leichteren Zugang zu unseren Geldbörsen ermöglichen?

Philipp Hermann, ein 32-jähriger IT-Mitarbeiter aus Berlin, der mir stolz erzählt, dass er kein Facebook- oder Instagram-Profil hat, ist extrem empfindlich gegenüber Online-Werbung: “Die Leute denken, dass sie immun sind. Dass sie im schlimmsten Fall ein oder zwei Dinge mehr kaufen, als sie geplant haben – aber sie realisieren nicht, wie viel mehr sie am Ende konsumieren”, sagt er.

Als jemand, der in der IT-Branche arbeitet, gibt er zu, dass er vielleicht sensibler als die Durchschnittsbevölkerung sei, wenn es um die Weitergabe persönlicher Daten geht. Und zwar nicht nur, weil es zu impulsivem Einkaufen führen könnte. Für ihn und für viele andere geht es darum, die Dinge so weit wie möglich für sich zu behalten.

“Jedem, der mich fragen würde ‘Warum versteckst du dich?’ möchte ich die Gegenfrage stellen: ‘Warum nicht?'”, sagt er, “vor allem in Anbetracht dessen, was bestimmte Regierungen mit unseren Daten machen.”

Mehr als nur Leaks

Es ist mir peinlich, wie viele meiner Passwörter laut Google “bei einer Datenschutzverletzung durch Dritte” offengelegt wurden. Daher habe ich die Entscheidung meiner deutschen Freunde und Kollegen, sich gegen Leaks und Sicherheitslücken zu schützen, immer respektiert.

Es kam mir aber nie in den Sinn, dass einige Konsequenzen weitaus tragischer sein könnten. “Eine meiner Freundinnen ist Aktivistin, ihre Daten wurden in Neonazi-Foren veröffentlicht”, verrät IT-Experte Hermann. “Sie musste ihre Telefonnummer ändern und überlegte sogar, aus Angst um ihre Mitbewohner aus ihrer WG auszuziehen.”

Ein weiterer enger Freund von mir, ein Einwanderer in Deutschland, der sich für verschiedene soziale Themen engagiert, wird ständig von einem seiner Nachbarn belästigt, der ihn auf Facebook gefunden und festgestellt hat, welch unterschiedlich politische Ansichten sie haben. Derselbe Nachbar hat inzwischen auch mein Profil gefunden.

“Es geht nicht nur um diese oder jene Werbung”, sagt “Isa Belle”: “Es geht es darum, wer auf meine Daten zugreifen darf und zu welchen Zwecken. Da ich das unmöglich herausfinden kann, lautet meine Devise ‘je weniger Firmen – desto besser’.”

Sie sind nicht unhöflich – sie sind nur zurückhaltend

Etwa einen Monat, nachdem ich meinen jetzigen Partner (einem Deutschen) kennengelernt hatte, versuchte ich, ihn über das (echte) Telefon anzurufen, da ich keine ausreichende Internetverbindung hatte, um ihn über Plattformen wie Telegram, WhatsApp oder FaceTime zu erreichen. Es stellte sich heraus, dass seine Nummer nicht aktiv war.

Mir wurde klar, dass ich mit ihm die ganze Zeit über eine Nummer kommunizierte, die er ausschließlich für Online-Dating benutzte. Wir kannten uns offenbar nicht lang genug, um mir seine “echte” Nummer zu geben.

“Ich hatte mal einen Stalker!”, sagte er, als ich ihn unter Tränen damit konfrontierte und ernsthaft in Erwägung zog, mich zu trennen. “Man kann nie wissen, wer sich auf diesen Apps tummelt!”, versuchte er, mein Vertrauen zurückzugewinnen.

Die Beziehung überlebte auf wundersame Weise, aber ich gebe neuen Bekanntschaften immer noch meine echte Nummer. Was meinen Freund betrifft, so gibt er selbst bei vielversprechenden Vorstellungsgesprächen weiterhin seine “falsche” Nummer an, sodass ich inzwischen akzeptiert habe, dass diese Praxis nicht gegen mich persönlich gerichtet war.

Fürs Erste werde ich wohl meinen echten Namen und meine E-Mail-Adresse in Verbindung mit meinen sozialen Konten beibehalten, aber zumindest kann ich nach sechs Jahren in Deutschland sagen, dass ich die Zurückhaltung der Deutschen ein wenig besser verstehe.

QUELLE

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