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Apples neue App ist der erste Schritt zum Kino der Zukunft

Die Welt ist nicht genug. Davon ist zumindest Tim Cook mehr als überzeugt. Der Apple-Chef gilt als einer der größten Verfechter der sogenannten Augmented Reality und hält sie sogar für “das nächste große Ding”. Vereinfacht gesagt ist AR, so die gängige Abkürzung, eine Technologie, mit der virtuelle Objekte über Aufnahmen der echten Welt gelegt werden. Das Live-Kamerabild wird quasi mit weiteren Ebenen erweitert. Erstmals kamen die meisten Menschen damit im Smartphone-Spiel “Pokémon Go” in Kontakt, als plötzlich überall knuddelige Monster in unseren Einkaufsstraßen erschienen.

Seitdem ist viel passiert. Im Bildungsbereich boomen AR-Anwendungen, mit denen man etwa virtuell einen Frosch sezieren oder anatomisch korrekte Modelle des menschlichen Körpers im eigenen Wohnzimmer inspizieren kann. Auch im E-Commerce experimentieren die Händler zunehmend mit AR: Möbelhändler erlauben, das neue Sofa in die eigenen vier Wände zu projizieren. Ein Schuhhändler wiederum macht es möglich, virtuelle Sneaker über die eigenen Füße zu stülpen. Augmented Reality werde “unser gesamtes Leben durchdringen”, betont Cook immer wieder.

AR soll Streaming-Geschäft ankurbeln

Auch Hollywood begeistert sich zunehmend für die Technologie. Der Pay-TV-Sender HBO entwickelte vor zwei Jahren für die finale Staffel von “Game of Thrones” etwa eine AR-Funktion für Snapchat, mit der man in New York auf einem Wolkenkratzer einen riesigen Eisdrachen landen lassen konnte. Ein netter Effekt, am Ende aber nicht mehr als eine Spielerei.

Apple demonstriert nun, dass AR mehr sein kann als simple Effekthascherei. Am Freitag startet das Unternehmen auf seinem firmeneigenen Streamingdienst Apple TV+ die zweite Staffel der aufwendig inszenierten Dramaserie “For All Mankind”. Darin wird die Geschichte der Mondlandung umgeschrieben: Statt den Amerikanern gewinnt die UdSSR das Weltraumrennen. Die zweite Staffel spielt zehn Jahre nach den Ereignissen der ersten. Wer wissen möchte, was in der Dekade dazwischen passiert ist, findet die Antworten in einer eigens für die Serie entwickelten AR-App namens “For All Mankind: Time Capsule”. Derzeit ist sie nur in den USA, Großbritannien und Neuseeland erhältlich, hierzulande folgt ein Release in den nächsten Wochen.

Ein interaktives Spiel

Mit der App bringt man die frühen 80er in die eigenen vier Wände: Man kann VHS-Kassetten abspielen und Mixtapes anhören, Briefe lesen und einen Apple-II-Computer bedienen. Besonders cool: Ein Diaprojektor kann Aufnahmen an die eigenen Wände projizieren.

Für letzteren ist jedoch ein aktuelles iPhone 12 oder iPad Pro mit Lidar-Sensor nötig. Nur der ist in der Lage, mittels Laserstrahlen die Umgebung in Echtzeit millimetergenau zu vermessen und digitale Objekte so präzise im Raum zu verankern. Dadurch wirken die Effekte noch realistischer.

“For All Mankind: Time Capsule” erzählt eine lineare Geschichte, die sich über 45 bis 60 Minuten erstreckt. Apple hätte diese auch in Form eines herkömmlichen Videospiels gestalten können. Doch Augmented Reality ist die ideale Gelegenheit, den Geist der Serie zu transportieren. “For All Mankind” ist eine realistisch inszenierte Serie, die in einer alternativen Welt angesiedelt ist. Augmented Reality erlaubt es ebenfalls, eine alternative Version unserer eigenen Realität zu zeigen. In diesem Fall werden Technologie und erzählerische Tiefe miteinander verwoben.

“Man kann dem Publikum mehr geben”

Die komplexe Geschichte von “For All Mankind” in einer neuartigen App weiterzuerzählen, war eine Gelegenheit, die Erfinder und Produzent Ronald D. Moore (“Battlestar Galactica”, “Mission Impossible II”) nur allzu gern ergriff, wie er im Gespräch mit dem stern erklärt. “Kreative wie ich sind immer daran interessiert, dem Publikum mehr zu geben. Wir haben viel Zeit damit verbracht, diese Welten zu erschaffen, die Charaktere. Nur ein kleiner Teil davon schafft es am Ende auf den Bildschirm. So bietet man dem Publikum, das die Serie liebt, eine Gelegenheit, noch tiefer einzusteigen.”

Die App fungiert gewissermaßen als Brücke zwischen den beiden Staffeln und soll die Wartezeit auf die nächste Staffel verkürzen und die Stimmung anheizen. “Wer Fan einer Serie ist, weiß: Es gibt nicht genug Inhalte. Man will immer mehr über das Geschehen wissen, egal ob es sich um eine Science-Fiction-Serie oder eine Komödie handelt”, so Moore.

“Time Capsule” allein als aufwendig inszenierten Werbegag abzutun greift dabei zu kurz. Vielmehr ist die App als erstes Anzeichen dafür zu werten, wie Apple konsequent seine verschiedenen Geschäftsfelder zusammenführen möchte. Man muss die Anwendung aus dem App Store laden, sie promotet eine Serie, die es ausschließlich beim firmeneigenen Streamingdienst gibt, und wer alle Inhalte nutzen will, benötigt ein aktuelles Gerät. So verschmelzen Hardware, Software und Dienste.

Eine neue Form des Geschichtenerzählens

Ben McGinnis, Mit-Produzent von “For All Mankind”, sagte, die App wurde parallel zur zweiten Staffel der Serie entwickelt. “Wir sind immer auf der Suche nach Möglichkeiten, die Geschichte über die Episoden hinaus zu erweitern. Und wir wussten, als wir zu Apple kamen, dass es eine perfekte Paarung mit AR gibt. Dass wir eine neue Form des Geschichtenerzählens schaffen konnten. Und so definierten wir die Möglichkeiten des Storytellings in diesem neuen Medium.”

Um die Handlung voranzutreiben, habe man sich bewusst auf wenige Objekte konzentriert, die in der Serie nur kurz zu sehen sind, in der App aber weitere Hintergründe preisgeben. So gibt es ein Mixtape, das Serienfigur Danny Stevens für seine Freundin Lisa gemacht hat, und Notizen, die sie sich gegenseitig in der Schule gegeben haben. “Auf diese Weise können wir die Geschichte mit persönlichen, interaktiven Gegenständen vermitteln”, sagt McGinnis.

Der erste Schritt zum Kino der Zukunft

Dass Apple an AR-Zusatzinhalten für seine Streaming-Shows arbeitet, ist keine Überraschung – das Wirtschaftsportal “Bloomberg” thematisierte die Pläne bereits in der Vergangenheit. Ursprünglich soll geplant gewesen sein, die Inhalte 2020 zu veröffentlichen, aufgrund der Corona-Pandemie kam es jedoch zu Verzögerungen. Allerdings erwarteten viele eine Art Live-Begleiter zur TV-Show, stattdessen ist “Time Capsule” eine eigenständige Erfahrung.

Der Konzern benötigt innovative Ansätze, die für Aufsehen sorgen, um sich von der Streaming-Konkurrenz abzuheben. Zwar gibt der Konzern keine konkreten Abonnentenzahlen bekannt, doch Analysten zufolge liegen andere Anbieter weit in Führung. Der am schnellsten wachsende Dienst ist derzeit Disney+, Netflix verzeichnet mehr als 200 Millionen aktive Abonnenten. Auch Netflix setzt immer wieder auf innovative Erzählformen wie etwa im interaktiven Film “Bandersnatch“, in dem man die Handlung beeinflussen kann.

Obwohl Apple seit vielen Jahren auf Augmented Reality setzt, ist das Phänomen in der breiten Masse immer noch weitgehend unbekannt. Mittlerweile wurden jedoch Hunderte von Millionen Geräten ausgeliefert, welche in der Lage sind, AR-Inhalte wiederzugeben. Das erhöht die Attraktivität für Entwickler, sich mit dieser Technologie auseinanderzusetzen.

“Ich denke, das ist so etwas wie die erste von verschiedenen Iterationen, wie man Fernsehen erleben wird, von AR bis VR und darüber hinaus”, erklärt “For All Mankind”-Schöpfer Moore. “Die Möglichkeiten werden zunehmen, da die Geräte handlicher und in größerer Stückzahl verfügbar werden.” Zudem biete AR die Möglichkeit, die Grenzen einer Staffel zu überwinden. Deshalb werde man diese Technologie zukünftig noch häufiger im Zusammenhang mit Filmen und Serien sehen, ist er überzeugt. “Man kann ‘For All Mankind’ sicherlich auch ohne den AR-Kram ansehen”, so Moore. “Aber wenn man die AR-App zuerst nutzt, bereichert es die Erfahrung.”

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