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Er begrenzte unsere Kommunikation auf 140 Zeichen – jetzt will er das Internet neu erfinden

140 Zeichen mussten reichen, der Welt mitzuteilen, was gerade so ansteht. Mit seiner radikalen Reduzierung wurde Twitter zu einem der größten und spannendsten Netzwerke der Welt. Und ebnete mit seiner direkten Kommunikation wohl auch den Weg für Donald Trump. Nachdem man den Ex-Präsidenten hinauswerfen musste, will Gründer Jack Dorsey das Netzwerk nun neu denken. Und mit ihm das Internet selbst.

Dorsey will weg von der zentralen Macht der großen Tech-Konzerne, das bekräftigte er gestern bei einem Call zu den aktuellen Quartalszahlen Twitters. Stattdessen will er ein Projekt stärker vorantreiben, das eine dezentrale Ordnung des Netzwerkes vorantreiben soll, die von den Nutzern und nicht den Firmen selbst kontrolliert wird.

Punk-Internet

Der Gedanke passt zum unangepassten Twitter-CEO. Während die anderen Großen des Silicon Valley das rebellische Image irgendwann ablegten und höchstens durch den Kapuzenpulli von anderen Top-Geschäftsleuten zu unterscheiden waren, blieb Dorsey eine Ausnahme. Er sei immer noch Punk, sagte er 2014 in einem Interview. Und berichtete, dass er die sieben Kilometer zur Arbeit jeden Tag zu Fuß zurücklegen würde. Dabei nehme er immer andere Wege. “Etwas, das man nicht geplant hat, wird einen immer anders über Dinge denken lassen”, erklärte er.

Dieses andere Denken findet sich nun auch im Dezentralisierungsprojekt. Bereits Ende 2019 kündigte Dorsey die Idee unter dem Namen Bluesky an, nun soll noch einmal mehr Energie hineingesteckt werden. Der Gedanke dahinter ist faszinierend. Statt über einen zentralen Server sollen sich die Inhalte bei Twitter – und auch auf anderen auf der Technik basierenden Diensten – direkt unter den Nutzern verteilen. Ähnlich wie bei Bitcoin oder den durch die Raubkopien-Szene bekannten Peer-2-Peer-Netzwerken wären die Inhalte nicht mehr durch eine zentrale Instanz zu kontrollieren.

Mehr Macht dem Nutzer

Und auch bei der Anzeige der Inhalte will Dorsey mehr Kontrolle an die Nutzer geben. Während heute Soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter einen einzigen Algorithmus entscheiden lassen, wer welche Inhalte zu Gesicht bekommt, sollen die Nutzer künftig die Wahl zwischen verschiedenen Algorithmen haben, die Twitter anbietet oder sogar selbst welche kreieren können. “Das wird wie eine Art App Store sein”, erklärt Dorsey.

Im Klartext heißt das: Statt Twitter wählen die Nutzer bald selbst, welche Inhalte sie für die wichtigsten halten. “Das wird nicht nur unser Geschäft verbessern, sondern Leute überhaupt erst in Soziale Netzwerke holen”, ist Dorsey überzeugt.

Vor allem die Vorsortierung durch den Algorithmus war zunehmend in die Kritik geraten. Weil die Sozialen Netzwerke Posts mit einer besonders hohen Interaktionsrate noch mehr Menschen zeigt, werden kontroverse Themen und starke Meinungen belohnt. Das trägt zu einer Radikalisierung der Meinungen bei. Bis schließlich geschlossene extremistische Räume entstehen, die zudem immer weiteren Nutzern empfohlen werden. Ein aktuelles Beispiel war der in Sozialen Medien organisierte Angriff auf das Kapitol.

Trump als Scheidepunkt

Donald Trump ist vermutlich nicht der alleinige Anlass, aber er dürfte die Entwicklung deutlich angefeuert haben. Nachdem Twitter seinen umstrittensten Nutzer nach Jahren des Zögerns im Rahmen des Sturms auf das Kapitol herausgeworfen hatte, machte Dorsey klar, dass er das eigentlich nicht wollte. “Ich glaube, dass es die richtige Entscheidung für Twitter war”, schrieb der Chef zwar in einer Serie aus Tweets. Doch glücklich schien er dabei nicht: “Ein Bann steht für unser Scheitern, eine gesunde Konversation zustande kommen zu lassen.”

Während solche Aussagen bei vielen anderen der großen Tech-Chefs wie eine PR-Maßnahme wirkten, nimmt man Dorsey dieses Bedauern ab. Der 44-Jährige verweigert bis heute, sich vollständig den knallharten Zwängen des Geschäfts unterzuordnen. Mit Nasenpiercing und einem immer länger werdenden Rauschebart grenzt er sich schon optisch von den glattrasierten Kollegen ab. Es sei ihm egal, ob Menschen ihn negativ betrachten, sagte er in einem Interview. “Mir ist es wichtiger, dass man versteht, wie ich denke.”

Ein anderes Denken

Das zieht sich auch durch seinen unangepassten Lebensstil. Dorsey isst nur einmal am Tag, nämlich abends. Es helfe ihm, fokussiert zu bleiben, erklärt er die Angewohnheit. Der Studienabbrecher, der zwar schon mit 15 Jahren erste Projekte programmierte, dann aber zunächst eine Masseur-Ausbildung abschloss, schwört auf Saunagänge, um den Kopf freizubekommen. Weil er bei seinen Entscheidungen nicht immer nur die Geschäftszahlen im Kopf hat, musste er den CEO-Posten bereits mehrere Jahre abgeben, einen weiteren Putschversuch überstand er letztes Jahr. “Er hat ein gutes Herz”, twitterte Elon Musk zur Verteidigung des CEO.

Auch das dezentrale Internet scheint für Dorsey eine Herzensangelegenheit zu sein. Bluesky soll nicht nur für Twitter genutzt werden, stattdessen sollen auch andere Dienste den Unterbau nutzen und ihre Inhalte darüber ausspielen können. Dabei sollen sich die Dienste sogar mischen lassen und im jeweils anderen Angebot angezeigt werden. Die Dienste könnten dann selbst entscheiden, welche anderen Angebote sie im eigenen Netzwerk zulassen, erklärte der Konzern “Techcrunch”.

Das würde auch eines der größten Probleme Dorseys mit dem Rauswurf Donald Trumps lösen. Die Entscheidung sei für Twitter die richtige, doch weil die anderen Firmen dieselbe Entscheidung trafen, leide am Ende die Meinungsfreiheit. “Eine Firma, die eine Geschäfts-Entscheidung trifft, sich selbst zu moderieren, ist etwas anderes als eine Regierung, die den Zugang zu freier Rede entfernt. Es fühlt sich aber sehr ähnlich an”, erklärte Dorsey.

Gefahren der Dezentralisierung

Im dezentralen Netz wäre das nicht möglich. Weil die Firmen nicht im selben Maße verantwortlich für die Inhalte sein sollen, wäre eine Bannwelle wie im Falle Donald Trumps oder der App Parler schlicht nicht möglich. Über irgendeinen Weg wäre es immer weiter möglich, an die Inhalte zu gelangen.

Der für Dorsey wünschenswerte Effekt sei aber auch eine Gefahr für die Technologie, warnen bereits Kritiker. Weil die bereits dezentralen Netzwerke wie Mastodon vor allem diejenigen Nutzer anziehe, die in traditionellen Netzwerken gesperrt wurden, würden sie für die Entwickler und andere Nutzer aber weniger attraktiv. “Das ist sehr demoralisierend”, zitiert “Techcrunch” einen Entwickler. Sollte Twitter seine gesamte Nutzerbasis auf die neue Technologie heben, könnte das aber eine große Chance bedeuten.

Es wäre nicht das erste Mal, dass Dorsey aus einer Not eine Tugend macht. Das 140-Zeichen-Limit von Twitter war eigentlich entstanden, weil der Dienst zunächst über SMS befüllt wurde. Sie blieben übrig, weil von den 160 Zeichen des alten Mobilfunkdienstes 20 für den Benutzernamen reserviert werden mussten. Und blieben beim Wechsel auf einen reinen Online-Dienst als Erkennungsmerkmal und Erfolgsfaktor erhalten.

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