Gesellschaft

Scheuer: „Bis Mittwoch auf Reisen verzichten“

Extremes Winterwetter mit riesigen Schneemengen beherrscht den dritten Tag in Folge weite Teile Deutschlands und führt zu Stillstand auf Straßen und Schienen. Auf der A2 bei Bielefeld verbrachten Fahrer und Mitfahrende die ganze Nacht auf der Straße und mussten bei klirrender Kälte zum Teil mehr als 16 Stunden lang in ihren Autos ausharren. Die Autobahn wurde zeitweise in beiden Fahrtrichtungen gesperrt – insgesamt bildeten sich rund um Bielefeld am Dienstagmorgen mehr als 70 Kilometer Stau. Die Polizei wollte sich aus einem Hubschrauber ein Bild von der Lage machen. Auch auf anderen Autobahnen wie der A4 in Osthessen kam es zu erheblichen Verkehrsbehinderungen.

Das Chaos auf der A2 ist aus Sicht der Autobahn GmbH Westfalen maßgeblich durch Lastwagenfahrer mitverursacht worden, die sich nicht an das Autobahn-Fahrverbot bis 22 Uhr gehalten haben. Viel zu viele Lastwagenfahrer hätten das Verbot missachtet, sagte Autobahn-Sprecher Bernd Löchter am Dienstag in Hamm. Die Aufhebung des Verbots ab 22 Uhr habe die Situation dann auch nicht mehr deutlich verschlimmert. „Staus hatten wir ja da schon. Da hatten wir schon Not durchzukommen. Insofern war es da eigentlich schon zu spät.“ Grund für die Aufhebung des Fahrverbots zu 22.00 Uhr seien Informationen gewesen, dass die starken Schneefälle nach Norden wegzögen, sagte Löchter.

Insgesamt zählt die Polizei in Nordrhein-Westfalen bin 24 Stunden rund 900 Einsätze wegen des Winterwetters. Von Montagmorgen bis Dienstagmorgen (jeweils 6 Uhr) rückte sie landesweit zu rund 800 Unfällen auf verschneiten und glatten Straßen aus. Die Schäden summieren sich ersten Schätzungen zufolge auf 1,8 Millionen Euro, sagte eine Sprecherin der Landesleitstelle am Dienstag. In den allermeisten Fällen sei es bei Blechschäden geblieben, doch es habe auch Verletzte gegeben, hieß es in einer ersten Bilanz. Bereits am Wochenende hatte die Polizei nach Angaben aus dem Innenministerium rund 730 witterungsbedingte Unfälle registriert.

Auf der Autobahn 9 in Sachsen-Anhalt krachten am Dienstag mehrere Lastwagen ineinander. Mindestens zwei Menschen wurden verletzt. Schwerpunkt sei die Strecke zwischen Dessau-Ost und Vockerode in Richtung Berlin, die gesperrt werden musste, teilte die Polizei mit. Eine fehlende Rettungsgasse erschwerte den Einsatzkräften die Anfahrt. Den Angaben nach war zunächst ein Sattelzug gegen 3.30 Uhr bei Eisglätte ins Schleudern geraten. Das Fahrzeug kam quer zur Fahrbahn zum Stehen. In der Folge kollidierten wenige Minuten später an der Unfallstelle ein Auto und zwei Lastwagen. Die 51 Jahre alte Autofahrerin wurde leicht verletzt.

Auch die Bahn ist betroffen

Ein Schneesturm hatte in Teilen Deutschlands bereits am Sonntag ein Verkehrschaos verursacht. Die Deutsche Bahn sprach auch am Dienstag noch von „extremem Unwetter“, durch das es weiterhin in weiten Teilen Deutschlands zu Verspätungen und Zugausfällen komme. Zwar arbeiteten Einsatzkräfte mit Hochdruck daran, insbesondere die Hauptstrecken von Schnee und Eis zu befreien, berichtete die Bahn am frühen Morgen. Vielerorts erschwerten aber starke Schneefälle, Schneeverwehungen und Frost die Arbeiten.

Von Dresden aus fuhren am Dienstag bis auf weiteres keine Fernverkehrszüge in Richtung Leipzig, Frankfurt, Hannover und Köln, wie es im Internetauftritt der Bahn hier. Auch zwischen Hamburg und Kiel, zwischen Hamburg und Lübeck sowie zwischen Hamburg und Westerland auf Sylt rollten demnach keine Fernzüge.

Der Dortmunder Flughafen stellt noch bis Donnerstag, 6 Uhr, den wegen der Corona-Pandemie ohnehin ausgedünnten Flugbetrieb ein. Betroffen waren die Passagiere von 18 Maschinen, die am Dienstag starten oder landen sollten. Flüge fielen aus oder sollten verschoben werden. Ankommende Flugzeuge wurden zu anderen Flughäfen umgeleitet. Am Mittwoch hätten ohnehin keine Flüge auf dem Plan gestanden, sagte eine Sprecherin. Mit der Entscheidung wolle man den Fluggästen Planungssicherheit geben, so dass keiner umsonst anreisen müsse.

Für die Ostsee sagte der Deutsche Wetterdienst (DWD) am Dienstag teils starken Schneefall mit Schneeverwehungen voraus. Für Ostholstein galten deswegen am Dienstag amtliche Unwetterwarnungen. An den Küsten sei es windig bis stürmisch. Für den Süden Deutschlands meldeten die DWD-Meteorologen leichten Schneefall. Verbreitet herrsche außerdem Dauerfrost.

Scheuer: Auf Reisen verzichten

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer appellierte an die Bürger im Norden und in der Mitte Deutschlands, mindestens bis Mittwoch auf Reisen zu verzichten. „Bei solchen extremen Bedingungen können selbst die beste Weichenheizung und das beste Räumfahrzeug an ihre Grenzen geraten“, sagte der CSU-Politiker den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Dienstag). Bei „Bild Live“ sagte er: „Es entsteht eines neues Band: ein kleines, aber sehr heftiges. Dienstag und Mittwoch werden wir an der Ostsee und bei Rügen viel Schnee bekommen und vor allem stürmische Verhältnisse.“

In Nürnberg fiel bei eisigen Temperaturen ein Großkraftwerk nach einem Brand aus. Etwa 15.000 Menschen waren davon betroffen. In zwei Stadtteilen war nach Angaben des Energieunternehmens N-Ergie die Versorgung mit Fernwärme beeinträchtigt. „Wir gehen momentan nicht davon aus, dass die Heizungen komplett ausfallen“, sagte ein Sprecher von N-Ergie. „Es wird aber spürbar kälter in den Häusern werden.“ Die Stadt rief am Dienstag den Katastrophenfall aus.

Unterdessen verstärkten Hilfsorganisationen mancherorts ihren Einsatz für Obdachlose. So war etwa in Hannover am Montagabend abermals der „Kältebus“ der Johanniter unterwegs, um Bedürftige mit warmem Essen und Trinken zu versorgen. Die Stadt Frankfurt hatte nach Angaben einer Sprecherin bereits am Wochenende die Öffnungszeiten einer Winterübernachtung in einer U-Bahn-Station verlängert.

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