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Anklage zeigt: Der wahre Verschwörungs-Treiber ist nicht Parler, sondern Facebook

Der Name der Chat-App Parler machte in den Tagen nach dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar weltweit Schlagzeilen.Über vor allem bei Rechten beliebte Social Network sei der Angriff organisiert worden, hieß es überall. Die App flog in der Folge aus den Appstores, dem Dienst kündigte das Webhosting und sogar die Anwälte liefen davon. Doch nun zeigt sich: Facebook scheint eine viel entscheidendere Rolle für die Angreifer gespielt zu haben.

Das geht aus den Anklageschriften vor, die bisher vom US-Justizministerum vorgelegt hatten. Eine Forschungsgruppe der George-Washington-Universität hatte Klagen gegen 223 Individuen ausgewertet, die an dem Angriff beteiligt sein sollen. In über 200 Dokumenten, die den Klagen anhängen und Privatnachrichten und öffentliche Posts beinhalten, wird demnach Parler nur achtmal erwähnt. Facebook kommt dagegen mit 73 Nennungen nicht nur zehnmal häufiger vor, sondern auch deutlich öfter als alle anderen Netzwerke zusammen. Auf Platz zwei landet Youtube mit 24 Nennungen, den dritten Platz belegt die Facebook-Tochter Instagram. Insgesamt wird Facebook also in der Hälfte aller Vorwürfe erwähnt.

Facebook weist die Schuld von sich

Das steht im krassen Gegensatz zur Selbstdarstellung Facebooks nach dem 6. Januar. “Unsere Maßnahmen sind nicht perfekt, es gab also sicher auch Dinge bei Facebook”, versuchte die Geschäftsführerin Sheryl Sandberg bei einer Pressekonferenz die eigene Beteiligung kleinzureden. “Ich glaube, diese Ereignisse wurden vor allem auf Plattformen organisiert, die nicht unsere Fähigkeiten besitzen, Hass zu stoppen, und die auch nicht unsere Standards oder Transparenz mitbringen.”

Tatsächlich hatte Facebook schon im November versucht, gegen die von Donald Trump losgetretenen Behauptungen des Wahlbetrugs vorzugehen. Eine der größten Truppen zu “Stop the Steal”-Bewegung, aus der der Angriff sich letztlich legitimierte, war bereits im November geschlossen worden. Man habe “beunruhigende Gewaltaufrufe” in der Gruppe bemerkt, so damals die Begründung.

Doch andere Gruppen und vor allem die einzelnen Nutzer konnten weitgehend ungebremst weitermachen. Das Hashtag “#stopthesteal” sei in den Tagen vor dem Angriff von mindestens 128.000 Nutzern genutzt worden, rechnete etwa die Bürgerrechtsgruppe Coaliton for a safer web. Einige der Angreifer hatten ihre Pläne Tage zuvor für jeden sichtbar bei Facebook gepostet. Dem FBI zufolge habe es sogar Livestreams des Übergriffes auf Facebook gegeben, berichtet “Forbes”. Diese Daten würden jetzt mit den Ordnungskräften geteilt, erklärte Facebook dem Nachrichtenportal. Vor der Attacke seien demnach mehr als 3000 Seiten, fast 19.000 Gruppen, 100 Events und knapp 23.000 einzelne Profile gesperrt worden.

Facebooks Extremismus-Falle

Der Fall zeigt wieder einmal Facebooks Achillesferse beim Umgang mit Extremisten. Weil die Funktionsweise des Facebook-Algorithmus Beiträge, Nutzer und Gruppen mit einer besonders hohen Anzahl von Interaktionen belohnt und anderen Nutzern bevorzugt anzeigt, werden extreme Meinungsbeiträge immer wieder nach oben gespült und verstärken sich am Ende gegenseitig. In einer internen Studie hatte das Netzwerk letzten Mai sogar festgestellt, dass die meisten Mitglieder radikaler Gruppen diesen erst auf den Vorschlag von Facebook hin beitraten.

Ob sich das ändern lässt, wird sich zeigen müssen. Man wolle den Nutzern zunächst weniger politische Inhalte zeigen, hatte Facebook-Gründer Mark Zuckerberg Ende Januar verkündet. “Es gibt da diesen Trend in der Gesellschaft, der viele Dinge zunehmend politisiert und dafür sorgt, dass Politik sich in alles einschleicht”, gab Zuckerberg zu. Wie diese Einschränkung genau funktioniert und ob auch im weiteren Sinne politische Themen wie der Streit um die Corona-Maßnahmen oder gar die Leugnung der Pandemie dazugehört, verriet er nicht.

Dass es einen Effekt durch die Filterung der Inhalte gibt, ist indes nicht zu leugnen. Kurz nach dem Sturm auf das Kapitol war die Anzahl an Posts mit unwahren Behauptungen zur US-Wahl drastisch gefallen: 73 Prozent weniger soll in den sozialen Medien darüber gesprochen worden sein, errechnete die Analysefirma Zignal Labs. Der ihrer Ansicht nach einfache Grund: der Rauswurf Donald Trumps bei Twitter.

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